Toddo Rokoko

Das Lächeln des Schicksals

Wie verzweifle ich am Leben in 21. Kapiteln. Jede Woche einen Schritt weiter.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

1.

„Du Dreckschwein! Du Arschloch!“ Sie schrie mich nicht an, sondern sagte es ganz leise, endgültig und enttäuscht. Sie weinte auch nicht, drehte sich nur um und ging. Ihr Gang hatte etwas schweres und war doch völlig entschlossen. Sie schaute nicht mal zurück. Ich sprang aus dem Bett, brüllte „Warte, ich kann es dir erklä…“ , doch da war sie schon aus der Tür und schloß sie endgültig hinter sich. Obwohl ich nicht da­von überzeugt bin, daß man anhand des Geräusches einer sich schließenden Tür die Absicht des Gehenden heraushören kann, wußte ich, daß es diesmal wirklich endgültig war. Ich hätte es auch nicht erklären können, was hätte ich sagen sollen, „Es tut mir leid, ich liege mit deiner Schwester im Bett und wir vögeln, aber es ist nicht so wie es aussieht?“.

Somit hatte ich die Spitze des Eisberges erreicht, mein letztes menschliches Scheitern konsequent betrieben und letztlich auch Erfolg gehabt. Allerdings war ich bei dem gerade beschriebenen Ereignis immer noch zu benebelt, um es mir in der heutigen Klarheit vor Augen zu führen und die Bedeutung zu erkennen, die es für mich hatte.

Nina weinte und wimmerte neben mir im Bett. „Wir hätten das niemals tun dürfen, wieso hast du….“ schluchzte sie. Mir wurde übel. „Zieh dich an, hol deine Sachen und verpiß dich, heul dich bei jemand anderem aus.“ zischte ich und ging auf die Terrasse. Das letzte was ich jetzt wollte war die Kummertante für Janns bescheuerte Schwester zu spielen, da halfen auch ihre vom Wimmern auf und ab hüpfenden Brüste nichts.

„Wie kannst du so gemein sein“ kreischte sie hinter mir her, aber den darauf folgenden Schwall von Anschuldigungen hörte ich schon nicht mehr richtig, meine Gedanken schweiften ab zu dem Tag als alles begann, mein persönlicher Aufstieg und der bodenlose Fall ins Nichts.

2.

Jann war für mich das, was man oft mit der Beschreibung die Liebe des Lebens meint. Doch nicht das alleine, sie war mehr, und für mich ist sie es immer noch, sie war die Muse, ohne die ich mein erstes Buch niemals hätte schreiben können. Vielleicht war es gerade dieses Wissen, das mich später dazu trieb, sie zu verletzen, zu versu­chen ihre Macht über mich einzugrenzen, ohne dabei zu bemerken, daß ich mich dabei selber verlor. Eigentlich schrieb ich dieses Buch für sie, ich wollte für sie etwas schaffen, das Bestand hätte, ein Zeugnis für die Ewigkeit.

Ich hatte gerade den letzten Satz getippt, das Manuskript zusammengelegt und zeigte es Jann.

„Ich habe es fertig.“

Sie lächelte.

„Gib schon her! Oder traust du dich nicht?“

Ich gab ihr das Manuskript.

„Wenn du es gut findest, können wir es ja wegschicken.“ fügte ich hinzu.

Das war allerdings nicht die ganze Wahrheit, da ich es in jedem Fall an Verlage schicken würde, ich fand es nämlich wirklich hervorragend. Oder es kommt mir heute nur so vor, das ich den damals empfundenen Mut nur aus der Tatsache beziehe, daß ich den weiteren Verlauf der Geschichte schon kenne. Es spielt auch keine Rolle, sie fand es gut, wir schickten es an verschiedene Verlage und warteten.

3.

Ich kam gerade zur Tür rein und setzte mich auf das Bett, das in unserer Wohnung vor dem Fenster steht, so daß bei einer klaren Nacht die Sterne vom Bett aus zu sehen sind. Immer wenn ich auf dem Rücken liegend in den Sternenhimmel blicke, finde ich eine innere Ruhe, die ich sonst nicht erreiche und tief in meinem Inneren wird eine Seite angeschlagen, deren Ton sich in meinem Inneren ausbreitet wie Ringe auf einem stillen See, in den ein  Stein hineingeworfen wird und dieser Ton, dieses Gefühl ist ein kleiner Geschmack Unendlichkeit, die mir vor Augen führt, wie klein ich eigentlich bin und die Welt, in der ich lebe. Dieses Gefühl verschafft mir wunderbarerweise für kurze Zeit eine tiefe Ruhe. Diese Ruhe wurde durch Jann jetzt durchbrochen.

„Und? Was stand in den Briefen?“

„Alles Absagen. Dem Einen ist das Buch zu öde, um die­sen Brief auf den Punkt zu bringen, dem Anderen zwar vielversprechend, jedoch zu unausgegoren und der Dritte meinte ich solle mir überlegen, vielleicht doch in ein an­deres Fach zu wechseln. Arschlöcher!“

Damit war die Zahl der Absagen bei fünfzehn angelangt.

„Ist doch nicht so wichtig. Das Buch ist gut, und zehn Verlage haben noch nicht ge­antwortet. Außerdem gibt es noch unzählige weitere.“ Sie machte eine kurze Pause. „Bist du dann soweit, daß wir loskönnen?“ fragte Jann. Ihr Optimismus, um es mal so zu nennen, färbte immer auf mich ab, so auch heute. Wir, oder eher Jann, war auf eine Vernissage eingeladen von einem neuen Stern am Kunsthimmel. Da Janns Beruf als Mitarbeiterin eines sehr be­kannten Kunsthändlers ihre Anwesenheit zur Pflicht werden ließ, schleppte sie mich, wie fast immer, mit. Unverständlicherweise, wie nicht nur ich fand, sondern auch Janns meisten Freunde und Kollegen. Sie hielten mich für einen Kunstbanausen, der ich ja auch bin, soll mir doch mal einer erklären was an einem roten Fleck an der Wand Kunst ist, und ich hielt sie allesamt für komplette Vollidioten, die vor ebendiesem ro­ten Fleck stehen, ihre dünnen Brillen von ihren schleimigen Gesichtern ziehen und anfangen über die Intention des Künstlers zu diskutieren. Aber ich ging mit, weil mir bewußt war, daß Jann aus den nur ihr bekannten Gründen Wert darauf legte.

Wir stiegen also in ihren Wagen und fuhren dieser Farce entgegen. Ich fühlte mich immer wie auf dem Weg zur Schlachtbank, aber, so dachte ich, Abwechslung selbst in dieser Form und etwas Alkohol könnten mir nur gut tun.

„Hör auf die Leute wieder in Diskussionen über den ästhetischen Wert eines Feuerlö­schers zu verwickeln“ raunzte sie mir noch zu, bevor wir die Dame am Eingang schleimig anlächelten, genauso wie es erwartet wird. Ich hatte genau in diesem Mo­ment das Gefühl, als würde das nicht unbedingt mein Abend.

„Hallo Jann, Schätzchen!“ kreischte eine etwas ältere Dame, die in ihrem feuerroten Abendkleid auf uns zugestürmt kam, daß ich dachte die Hölle bewegt sich und fliegt auf uns zu. „Und dein Schreiberfreund! Das ist ja nett.“ In diesem Tonfall müssen Raubtiere ihre Beute begrüßen, bevor sie sie fressen, und ich stürzte das erste Glas Champagner hinunter. Das gute an dieser Art Festivitäten ist der ungehinderte Nach­schub an Getränken aller Art.

„Marlene!“ sagte Jann etwas zu trocken wie ich fand.

„Ich muß dir unbedingt ein paar Leute vorstellen“ flötete sie, nickte mir kurz zu, und zog mit Jann von dannen.

Ich ging geradewegs zur Bar.

Thekengespräche.

„Hi. Ein Bier bitte.“ Der Typ hinter der Theke war mindestens zwei Meter groß, und wirkte dermaßen abgeklärt, daß ich mich unwillkürlich fragen mußte, ob der Körper wohl so viel Platz braucht, um das ganze Thekengequatsche wegzustecken. Neben mir saß eine etwas ältere Frau mit einem kurzen schwarzen Kleid und zwei Kilo Make up  und mehreren Glas Sekt zu viel. Gleich würden wir ins Gespräch kommen. Gerade wenn es draußen kalt wird bekomme ich oft das Gefühl, daß alle Dinge immer wieder zu ihrem Ursprung zurück kehren. Die Situationen wiederholen sich in abgewandel­ter Form, aber das Gefühl bleibt ebenso wie die Melancholie gleich. Dieses Gefühl überfiel mich just in dem Moment, als die Frau das Gespräch begann.

„Bisse auch allein hier?“

„Nein!“

„Aha.“ Sie schwieg und schaute mich mit unendlicher Traurigkeit an.

„Mein Mann ist tot.“ setzte sie wieder an. „Und ich fühle mich auch so. Wie geht´s dir?“

„Die Ausstellung interessiert mich nicht, meine Freundin ist hier irgendwo unterwegs und mein Buch verkauft sich nicht. Ich bin noch nicht betrunken, setze aber alles daran es zu werden.“

Sie öffnete ihre Schenkel. „Fühlst du dich lebendig? Dann gib mir doch etwas davon ab.“ Eine Träne lief über ihr Gesicht.

„Bitte!“ flehte sie.

Ich kippte schnell das Bier hinunter und ging. Ziemlich deprimiert, als hätte sich die schreiende Seele der Frau für kurze Zeit in mir Gehör verschafft.  Der Abend wurde schlimmer als erwartet und wo zur Hölle steckte Jann?

Da sie in dieser Menschenmasse nicht auszumachen war, ging ich zurück zu meinem guten Freund, dem Barkeeper. Der stand regungslos hinter dem Tresen und starrte die Frau an, deren Bekanntschaft ich machen durfte und die anfing sich selber zu befum­meln. Das komische an der Sache war, daß die beiden in einer Szene gefan­gen schienen, die die Außenwelt ignorierte. In diesem Moment völliger Stille, die die beiden wie eine Mauer umschloß, griff die Frau in ihre Handtasche. Wie gebannt be­obachtete ich die Szene, die sich in unendlicher Langsamkeit abspielte. Ich sah, wie sie etwas matt glitzerndes aus der Tasche holte, wie sich ihre Hand der Schläfe näherte und wie ihr Kopf zu Seite gesprengt wurde. Erst dann hörte ich den Schuß. Alles er­starrte und die Stille weitete sich auf alle Anwesenden aus als würde der Tod in dieser Stille ein Lied singen, in dem alle gefangen waren. Ich mußte kotzen.

Wie genau mich Jann an diesem Abend nach Hause gebracht hat weiß ich nicht mehr, ebensowenig wieviel ich im Laufe des Abends während den Befragungen der Polizei mit dem Barkeeper zusammen getrunken habe.

Ich weiß nicht einmal den Namen der Frau, die sich für immer in meinen Kopf ein­gebrannt hat. Für mich bleibt sie eine Frau ohne Namen, die für einen kurzen Augen­blick die Tränen von allen geweint hat.

4.

Die ersten Tage danach waren furchtbar, obwohl ich versucht war mir nicht anmer­ken zu lassen, daß sich der explodierende Kopf der Frau immer wieder Zugang zu meinen Gedanken verschaffte. Ich wachte nicht schreiend auf oder saß stumm in einer Ecke, trotzdem behielt ich für eine ganze Zeit das Gefühl der Verbundenheit mit die­ser Frau, was nicht gerade ein sehr optimistisches Gefühl war. Ich denke Jann wußte um meinen Zustand und ließ mich in Ruhe, wenn ich reden wollte würde ich das schon tun, das war ihre Einstellung. So dümpelte ich die Tage vor mich hin, konzentrierte mich auf mich selbst und versuchte Raum und Zeit als unabhängige Größen zu verste­hen, wobei ich nicht wußte was ich damit meinte, was mir nach einer gewissen Menge Wein aber durchaus gelang.

Mit Eddie, dem Barkeeper, verband mich seit dem eine Art Freundschaft, die sich vor allem dadurch manifestierte, daß er gelegentlich mitten in der Nacht auftauchte, mit ein paar Trägern Bier, und behauptete er wolle Reden, die Leute wären alle total be­kloppt und ihm mache der Selbstmord der Frau immer noch zu schaffen. Dann setzte er sich meistens vor die Anlage, legte Musik ein, hielt den Kopf etwas schief, trank Bier und sagte nichts mehr. Mein Part beschränkte sich darauf danebenzusitzen und ebenfalls Bier zu trinken. Es war trotzdem eine Art Kommunikation die keiner Worte bedurfte, wir fühlten uns einfach wohl und hörten der Musik zu. Irgendwann kam meistens Jann dazu, was Eddie immer dazu trieb, ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Wie läufts mit deinem Buch?“ fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern und sagte, daß ich keine Ahnung hätte, die Leute aus den Verlagen würden sich nicht melden.

„Aber irgendwann werden sie, mach dir keine Gedanken. So blöd können sie nicht sein.“

Gerade wollte ich ansetzten, die Verlage und die ganze Welt ob ihrer Ignoranz zu be­schimpfen, als sich Jann einmischte.

„Wie läufts mit Julie? Ich dachte, du wolltest sie mal mitbringen.“

„Eigentlich ganz gut,“ antwortete Eddie, wie mir schien eine Spur zu schnell, „sie hat heute keine Zeit. Ich steige sowieso nicht durch was sie eigentlich will, im Bett läufts echt gut, dann wirft sie mir vor ich würde nur in der Bar arbeiten um Frauen aufzurei­ßen, dann erzählt sie mir, daß sie mich eigentlich nicht braucht, sie kenne genug Män­ner die nur auf sie warten, und bei denen sie schon längst wohnen würde. Dann sage ich ihr, daß sie bei mir einziehen kann wann immer sie will und sie fängt an zu heulen, da ich das nur sagen würde um sie zu trösten.“

„Hat sie recht?“ unterbrach ich ihn.

„Ach was weiß ich. Ich glaube ich will schon, daß sie zu mir kommt. Noch´n Bier?“

Jann und ich nickten. Obwohl wir ihn noch nicht so lange kannten, wußten wir daß das Thema damit erledigt war. Mir war das auch egal, ich hätte ihm sowieso keinen Rat geben können, ich konnte mich noch nie gut in eine Frau hineinversetzten und mei­stens endeten seine Beziehungen innerhalb von drei Wochen, was also soll das ganze Theater? Und ich muß sagen, ich habe mir immer Mühe gegeben die Frauen zu verstehen, aber seit ich mit Jann zusammen war hatte ich es aufgegeben, sie war für mich immer noch ein Rätsel, und dabei beließ ich es, vielleicht liebte ich sie deshalb um so mehr.

Es klingelte und Janns Schwester stürzte ins Zimmer, starrte mich an und schrie: „Ihr Männer seid alle Schweine.“ Aha, hat sie schon wieder einer sitzen lassen. Ich fing an zu grin­sen.“ Und hör mit deinem beschissenen Grinsen auf.“ Sie ließ sich auf den Boden fal­len, umarmte Jann, die beruhigend auf sie einredete, und gab sich ihrer Enttäuschung hin. Eddie starrte sie an und ich kannte diesen Blick, als hätte ihn der Blitz getroffen. Ich winkte ihn in die Küche.

„Eddie, du solltest Nina in Ruhe lassen, sie macht nur Schwierigkeiten, ich meine sie sieht toll aus und hat wahnsinnige Brüste, aber sie macht einen irre!“

Er antwortete, daß es ihm egal sei. „Sie ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe.“

Warum stürzen sich manche Menschen immer wieder in Schwierigkeiten, ziehen diese sogar magisch an? Er würde niemals auf mich hören, wozu auch, Liebe ist die größte Macht dieser Erde, und direkt dahinter folgt die biologischen Geilheit. Was zählen in diesem Zusam­menhang die klugen und weisen Worte eines halb betrunkenen Freundes, der ihn war­nen will? Nichts! Es gibt Leute die wollen es nicht anders, sie verlieben sich und glau­ben jeden scheiß. Wenn es nicht so grausam wäre, könnte man sich totlachen. Aber Tatsache ist, Nina sieht gut aus, sie strahlt eine gewisse Verletzlichkeit aus die manche Männer geradezu dahin treibt, die Grenzen auszutesten. Uns sie hat, wie gesagt, wirklich tolle Brüste, die einen durch die Klamotten anzuspringen scheinen. Das sage ich ganz objektiv, soweit das möglich ist, denn für mich ist Jann die absolut perfekte Frau. Die erste Nacht mit ihr werde ich nie vergessen, als sie nackt neben mir lag sah ich meinen ganz persönlichen heiligen Gral. Sie lag nackt auf dem Bett unter dem Fenster, und das Mondlicht schien auf ihren makellosen Körper. Seitdem habe ich eine persönliche Definition von Schönheit, eingefangen in diesem Moment, und jedesmal wenn ich daran denke wird mir bewußt, daß ich für einen kurzen Moment die Gelegenheit hatte, die gesamte Schönheit der Schöpfung zu bewundern.

Nun stand Eddie neben mir in der Küche und hatte die Stirn in Falten gelegt.

„Komm, wir gehen wieder rein. Vielleicht könntest du mich ja vorstellen.“ murmelte er.

„Eddie, nach dem ganzen Theater mit Julie, warum gehst du nicht nach Hause und…“

„Julie kann mich am Arsch lecken, soll sie doch bei irgendeinem Wichser einziehen.“ Sprachs und zog mich aus der Küche.

„Hallo Nina, das ist Eddie, und Eddie hat im Moment….“

Eddie mischte sich ein. Wieso läßt mich eigentlich keiner aussprechen?

„Nina. Schöner Name.“

„Eddie. Nicht so´n toller Name. Du bist der Typ aus der Bar mit der Frau, die sich ins Jenseits befördert hat?“

Gerade wollte ich unterbrechen um schlimmeres zu verhindern, als Jann mir von hinten in den Schritt griff und neben meinem Gesicht ganz leicht ihr Haupt senkte. Das Zei­chen war eindeutig, trotzdem hatte ich das Gefühl wir stehen am Abgrund und dieses Gefühl rechtfertigte durchaus einen zweiten Versuch.

„Äh,“ fing ich an „schon spät und……“

„Halts Maul“ fuhren mich beide an und hatten mich schon wieder vergessen. Ich holte mir eine Büchse Bier und fluchte vor mich hin, Jann zog mich in die Küche.

„Jann, kannst du dir ausmalen was für ein Chaos entsteht, wenn zwei Leute wie Nina und Eddie, die beide genug mit sich selbst zu tun haben, zusammenkommen?“ startete ich einen Versuch.

„Na und?“ gab sie zurück.“Laß sie doch. Vielleicht ist es ja das Beste für beide. Mehr als schiefgehen kann es nicht!“

„Nein!“, meine Stimme troff vor Ironie, ein Stilmittel das ich bisweilen gut be­herrschte.“Das letzte Mal als es schief ging hat deine Schwester ja auch nur drei Tage bei dir verbracht, keinmal ihren Schlafanzug abgelegt, dauerbreit, und versucht, den Fernseher in ein Gespräch zu verwickeln.“

„Ich bin nicht ihre Mutter! Und besser hier als woanders.“

Ich warf einen Blick ins Zimmer.

„Toll, sie küssen sich.“ Das ging schnell.

Jann zuckte mit den Schultern. „Laß uns schlafen gehen.“

Nun gut, ich habe es versucht, das ist mehr als man erwarten kann und überhaupt habe ich andere Probleme. Ich legte mich mit dem Kopf auf Janns Bauch, fühlte mich milde gestimmt und harrte der Dinge, die da kommen mögen.

5.

Am nächsten Morgen saßen wir zu viert am Tisch, die beiden hatten sozusagen als Krönung bei uns übernachtet. Eddie grinste die ganze Zeit vor sich hin, Nina tat es ihm nach und redete dabei wie ein Wasserfall. Ab und zu nickte ich beiläufig, ohne zu hören was sie da verzapfte, irgend einen Scheiß, und das am frü­hen Morgen. Meine Aspirin hatte sich noch nicht mal aufgelöst und morgens ist ein­fach nicht meine Tageszeit.

„… und dann hat Eddie gesagt, daß…“

Die Aspirin lief meine Kehle hinunter.

„…denn wenn man es so sieht, hat er…“

Mir wurde übel. Gleichmäßig schlucken. Mit der Tatsache, daß Eddie und Nina nun einige Zeit zusammen verbringen würden hatte ich mich abgefunden, vielleicht hatte Jann ja recht, vielleicht ging es wirklich gut und außerdem, vielleicht wird das Ozonloch gar nicht größer und vielleicht geht unsere Zivilisation nicht wirklich den Bach runter.

„Hat jemand die Post schon geholt?“ unterbrach ich die fröhliche Runde.

„Jip. Allerdings nichts von Interesse dabei.“ gab Jann zurück “ So, ich muß los. Soll ich euch beide mit in die Stadt nehmen?“ fragte sie an Eddie und Nina gerichtet.

Manchmal war Jann ein Engel, gute Idee, nimm die beiden mit, ich brauchte Ruhe, Stille und mußte allein sein. Manchmal war das Verlangen danach riesig, als müßte mein Akku aufgetankt werden. Als alle gingen zwinkerte Eddie mir noch zu und mur­melte was von toller Frau und ewig in meiner Schuld stehen. Ich nickte müde und dann waren sie weg. Wir würden sie abends sowieso wiedersehen.

Ich versuchte ein paar Zeilen eines neuen Buches, aber mir viel nichts richtiges ein. So einfach ist das, die Geschichte hängt vage im Kopf, aber der Anfang läuft nicht. Fast wie beim Sex, die Spielregeln sind bekannt, aber manchmal funktioniert es einfach nicht so wie man es sich vorstellt. Draußen war es grau. Ich liebe den Herbst, die Schwermütigkeit die sich einstellt, die einen befällt, gegen die man sich nicht wehren kann und man das kurze Gefühl hat, ganz allein zu sein und für einen kurzen Moment alles zu begreifen, dem Leben ganz Nahe zu sein und es einen Hauch lang richtig zu spüren. Es gibt Schriftsteller, die mit der Sprache tanzen, einen Tango in Worte fassen und das ist für mich wahre Kunst. Doch sobald ich näher darüber nachdenke, beson­ders an diesen Tagen im Herbst, beginne ich an meinen eigenen Worten zu zweifeln und es scheint eine Unmöglichkeit für mich, jemals etwas derartiges zu Papier zu bringen, was als letzte Konsequenz meinen kreativen Untergang bedeuten würde. Doch sobald ich in Gefahr laufe etwas derartiges meinem Hirn zuzumuten, rufe ich mir eine Reihe unglaublich schlechter Bücher ins Gedächtnis und meine Laune hebt sich. Das ist eine Art Überlebensinstinkt, dessen Notwendigkeit für mich unbestritten ist, auch wenn man sich niemals an Scheiße orientieren sollte.

Eine weitere Möglichkeit solche Tage zu verbringen ist die typische nachmittägliche Talkshow, in der der geballte Schwachsinn menschlichen Miteinanders ausgekotzt wird und bei der sich der Verzicht auf jegliche Unsterblichkeit geradezu aufdrängt. Besser als jede Vorlesung über den Existentialismus.

Das Telefon klingelte.

„Berger hier. Fundus Verlag.“

„Toller Witz, Eddie! Ich dachte Nina ins Bett zu kriegen nimmt im Moment deine gesamte Zeit in Anspruch?“

Der Teilnehmer am Ende der Leitung zögerte. Mir lief es kalt den Rücken runter! Fuck!

Ich schwieg.

Der Unbekannte schien sich einen Ruck zu geben, den ich wie einen Lufthauch am anderen Ende der Leitung spüren konnte.

„Ich rufe an wegen eines Manuskriptes. Hab ich mich verwählt?“

„Äh, nein, ich dachte, daß..“ stotterte ich etwas unbeholfen. Nochmal Fuck. Ich hasse wenig so sehr wie ein unbeholfenes Stottern, das aus Verlegenheit geboren wurde.

„Ist auch egal“ unterbrach er mich, „wir würden uns gerne mit Ihnen treffen.“

„Wozu?“ rutschte es mir heraus. Ich fing an Sterne zu sehen. Welcher Troll hatte sich in meinem Hirn festgesaugt?

In seiner Stimme schwang entgegen meiner Erwartung eine leichte Belustigung mit.

„Um über ihr Manuskript zu sprechen! An was hätten sie denn gedacht?“

Aha. Ein Witzbold!

„Gut!“ erwiderte ich und gab mich geschlagen, was soll´s, das Gespräch fing an mich auszulaugen. Wir verabredeten uns für die nächste Woche.

Ein nie gekanntes Gefühl, das sich unmerklich herangeschlichen hatte, überfiel mich. Eine Mischung aus Glück und Stolz, das mich für eine Sekunde zittern ließ. Damit meine ich nicht das Glück, das viele verspüren wenn sie sagen sie sind glücklich und sich dabei nur mit den Umständen so arrangiert haben, daß diese akzeptiert und die meisten Unannehmlichkeiten der Existenz ignoriert werden. Auch nicht das Gefühl, etwas Neues zu besitzen wie ein Auto, sondern eher das Gefühl, das Eltern bei der Geburt ihres Kindes spüren müssen, ein tiefes inneres Glück. Als wäre mein Baby nach unzähligen Zeugungsversuchen endlich geboren worden.

Natürlich ging ich davon aus, daß der eben passierte Anruf nichts anderes bedeuten konnte als das Interesse eines Verlages, mein Buch zu veröffentlichen.

6.

Als Jann nach Hause kam, hatte ich schon leicht einen sitzen. Ich hatte mir lange über­legt wie ich ihr die Nachricht überbringen sollte, aber als sie vor mir stand, platzte es einfach aus mir heraus.

Sie sagte nichts, aber in ihren Augen stand ein Ausdruck, der alles darüber sagte was sie fühlte. Mir fällt heute immer noch kein Wort ein um diesen Ausdruck zu beschrei­ben, kein noch so poetisches Wort in der Geschichte der Sprache könnte ihm nur an­nähernd gerecht werden. Es war, so denke ich, eine Mischung aus Liebe und Ver­ständnis, sie schien körperlich zu spüren was ich fühlte, wieviel mir dieser Anruf und die damit verbundene Hoffnung bedeutete.

„Kannst du nächste Woche mitkommen?“ fragte ich sie zögernd. „Ich würde mich ein bißchen sicherer fühlen.“

„Klar! Hat dieser Berger sonst noch etwas gesagt?“

„Nein. Werden wir nächste Woche wohl erfahren. Laß uns feiern! Wann kommen Eddie und Nina?“

Sie rief aus der Küche, daß sie gleich vorbeikommen würden und daß wir ins Mon­taigne gehen. Wir beschlossen, ihnen noch nichts darüber zu sagen, bis wir mit dem Typ gesprochen hätten. Ich wollte lieber erst auf die endgültige Bestätigung warten.

Das Montaigne ist ein, vorsichtig formuliert, eher rustikaler Laden mit lauter Musik, die ideale Kneipe um zu feiern oder einfach nur rumzuhängen. Eddie hatte da mal ge­arbeitet und auf Oropax verzichtet, so daß er nach ein paar Wochen das Piepen in sei­nen Ohren nur noch mit geraumen Mengen Bier übertönen konnte, was sich wiederum auf seine Arbeit niederschlug und zur Folge hatte, daß er am Schluß lieber mit den Gästen das Bier trank als es zu zapfen.

Als wir dort eintrafen war der Laden schon ziemlich voll. Wir quetschten uns in eine Ecke und warteten auf die Getränke. Ich bekam mein dämliches Grinsen nicht vom Gesicht, ich fühlte mich großartig, als würde ich über den Dingen schweben, als hätte alles um mich herum etwas Unwirkliches, als wäre ich der Herrscher über dieses Phä­nomen, das nur von mir erkannt wurde. Eddie holte mich auf den harten Boden zu­rück.

„Julie hat sich verpißt!“ brüllte er in  mein Ohr.

Ich brüllte zurück, daß das kein Wunder wäre.

„Ist mir auch egal, sie hat nur die halbe Wohnung ausgeräumt und Schnaps ins Aqua­rium gekippt!“

„Was?“

„Ja! Schnaps!“

„Nein, das andere. Du hast ein Aquarium, in dem den ganzen Tag bescheuerte Fische hin und her schwimmen?“ schrie ich in sein Ohr.

Er gab zurück, daß die Fische nicht in die Wohnung scheißen und keinen Krach ma­chen. Ich stellte mir besoffene Fische vor, die dauernd gegen die Wand des Aquariums schwimmen und bekam einen Lachkrampf.

„Krieg´dich wieder ein, dafür läufts mit Nina um so besser!“

Können besoffene Fische eigentlich auf dem Rücken schwimmen? Bei dem Gedanken fing ich wieder an zu lachen, ich war kurz davor zu probieren, ob ich vielleicht durch diesen Raum schwimmen könnte. Eddie wendete sich Nina zu und ich beobachtete die beiden leicht schwankend. Ich war immer noch mißtrauisch. Das Debakel ließ zwar auf sich warten, aber es würde schon irgendwann kommen. Wie recht ich behalten sollte.

Jann kam auf mich zu.

„Willst du noch etwas trinken?“ fragte sie mich.

„Gute Idee.“

„Überlegst du durch diesen Raum zu schwimmen?“

„Ja.“ Ich hatte ihr vorher mal davon erzählt. „Die Menschen sind merkwürdig.“

Dieser Satz geisterte durch meinen Kopf und ich konnte nicht erklären woher er kam oder was er bedeutete. Die Menschen sind merkwürdig. Aber er schien völlig richtig zu sein. Ich hörte mal von einem Mann, der hielt seinen nackten Hintern aus dem Fenster und blieb völlig stumm für eine halbe Stunde so sitzen, um den Menschen zu zeigen, was er von ihnen hielt. Er war der Überzeugung, daß wenn er ihnen seinen nackten Hintern zeigte, seine Meinung klar für alle sichtbar wäre und er sich für einen Moment von ihnen allen unterschied. Aber die Leute lachten nur, sie hielten ihn für verrückt und gingen kopfschüttelnd weiter. Keiner kam auf den Gedanken, daß es eine gegen sie gerichtete Geste sein könnte. Und der Mann hatte nicht damit gerechnet, daß es bei merkwürdigen Menschen mehr bedarf als eine merkwürdige Begebenheit um sie zu erschrecken, denn sonst wäre das Leben nicht zu ertragen. Es ist der Schutz der Verrücktheit vor dem Irrsinn.

Jann nickte, fing an zu lachen, drehte sich um und schrie ihrem Nachbarn ins Ohr „Ja, das sind sie!“. Der Typ zuckte zusammen und drehte sich um, aber da war Jann schon Richtung Theke verschwunden. Glück ist ein kurzer Moment der Euphorie im Leben, der sich unterschiedlich häufig in einem jeden Leben wiederholt und zufällig für jedes geborene Leben bestimmt wird, eine der großen Unbekannten der Existenz. Es reichte mir in diesem Moment schon die Gewißheit, daß ich Jann in diesem Leben kennenge­lernt hatte.

Ich torkelte zu Eddie.

„Ich hasse alle diese Leute hier,“ fing er an, bevor ich etwas sagen konnte und weil Nina sich mit einigen gut versteht, hasse ich auch sie, für einen kurzen Moment, und dann hasse ich mich selber, weil ich es nicht ertragen kann, so über Nina zu denken.

Ola, Zwickmühle! Das fiel mir ein, und bevor mein Gehirn meinen Mund erreichte schrie ich Eddie diese subtile Feststellung schon ins Gesicht.

„Willst du mich verarschen?“ schrie er zurück.

„Tut mir leid. War nicht so gemeint. Ich weiß was du meinst, aber da wird sich nichts dran ändern, ist vielleicht genetisch bedingt, keine Ahnung, also was soll das?“

Ich umarmte ihn. Alkohol enthemmt. Eddie stierte mich an, schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern.

„Bringt mich auch nicht weiter“ murmelte er noch, bevor er sich zu Jann umdrehte um die Getränke in Empfang zu nehmen. Nina kam von hinten auf mich zu und griff mir an den Hintern.

„Du bist zwar der Freund meiner Schwester, aber einen geilen Arsch hast du schon!“ flüsterte sie mir ins Ohr. Dann zwinkerte sie mir zu und haute ab. Was sollte das denn jetzt? Genau diese Frage, Wort für Wort, schoß mir durch den Kopf, aber das Schlimmste daran war, daß ich mich erregt fühlte. Durch einen einzigen Griff und nur eine kleine Geste hatte sie mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Und durch diese kleine Geste fühlte ich mich geschmeichelt, sie war Zeichen meiner Attraktivität. Auch wenn sie das nicht ernst meinte, sondern als Scherz unter Freunden sah, was machte das für einen Unterschied? Mein Arsch schien ihr ja zu gefallen, ich lebte inmitten ei­nem Kosmos der aus purem Leben bestand, ich bestand aus purem Leben, mein gan­zer Körper wurde davon erfaßt. Nur durch einen Griff an den Arsch. Was für eine Ab­surdität, ein Griff an den Hintern als ein ureigenes Zeichen meiner Lebendigkeit, eine obszöne Geste als Schmeichelei des eigenen Ichs. Hätte die Frau in der Bar nur ein Minimum davon gefühlt, nur einen Schluck davon gekostet, sie hätte sich niemals durch den Kopf geschossen.

Plötzlich glaubte ich sie zu verstehen. Der Mangel an gefühlter Lebendigkeit führte bei ihr zu dieser Entscheidung, mußte es vielleicht zwangsläufig. Vielleicht hatte sie sie vorher gespürt; vor allem dann wäre der Verlust kaum zu ertragen. Für einen kurzen Moment versuchte ich mir andere Leute fühlend vorzustellen, versuchte in sie einzutauchen, in das Geheimnis ihrer Existenz vorzu­dringen, sie zu werden für einen Augenblick. Was fühlt ein Mensch in Australien, wenn er morgens im Nichts der Wüste aufwacht, was fühlt ein Präsident, wenn er über das Schicksal anderer Menschen entscheidet? Auch wenn diese Figuren fiktive Größen sind, der Versuch machte mir Angst.

Auf einmal küßte mich Jann, holte mich zurück ins Montaigne, und ich umklammerte sie wie ein Ertrinkender, der etwas unglaublich Kostbares in seinen Händen hält. Ich hielt sie fest und hätte sie am liebsten niemals losgelassen. Irgendwann kam Eddie vorbei und meinte, ob wir nicht langsam gehen könnten, und als wir nach Hause gin­gen lief ich Arm in Arm mit Eddie hinter Jann und Nina her, und wir sangen Schwanen­see.

7.

Als wir in Bergers Büro eintraten empfing uns ein Mann mittleren Alters mit den Worten: „Da sind sie ja!“

„Äh, ja, stimmt, da wären wir.“ antwortete ich, Jann setzte ihr „was sind sie sympathisch“ Lächeln auf, wir begrüßten uns, er lobte das Manuskript, machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte, ich hörte Harfen in meinem Kopf und bei dem Rest nicht mehr zu, wir verab­schiedeten uns, wir gingen nach Hause und hatten phantastischen Sex. Diese kurze Schilderung hat ihren Grund in der Tatsache, daß ich mich nicht mehr genau erinnern kann, es war wie ein Rausch, dieser eine Tag in einem Leben, der soviel veränderte.

8.

Etwa zur gleichen Zeit muß es gewesen sein, daß Aurora auf ihrem Bett in einer klei­nen 1-Zimmer Wohnung saß. Ihren wahren Namen habe ich erst später erfahren, spä­ter, als die Geschehnisse rekonstruiert werden konnten und ich trotzdem nicht ver­stand, wie der winzige Funke eines Zufalls mich meine Form der Apokalypse sehen ließ. Der wahre Name spielt keine Rolle, denn wenn ich sie mir auf dem Bett sitzend vorstelle, kommt mir wie von Geisterhand der Name Aurora in den Sinn. Jetzt schrei­be ich diese Zeilen und verstehe es immer noch nicht, begreife es nicht und meine Hand beginnt zu zittern. So wie ich die Ereignisse beschreibe, stelle ich sie mir vor.

Aurora saß auf ihrem Bett, hielt ihren Kopf in den Händen und weinte. Es war kein stilles Weinen sondern eher ein Heulen, wobei die Tränen, die am Gesicht herunterlie­fen, von dem Schreien in die Luft geblasen wurden und dort in winzige Teilchen zer­stoben. Ihr Haar hing strähnig herab und sie trug ein weißes Nachthemd, das schon leicht fleckig wurde. Ihr rechtes Auge war lila verfärbt und ihre Lippen aufgesprun­gen. Sie war schon nicht mehr ganz bei Sinnen, ich stelle mir vor, daß sie langsam ihr reales Bewußtsein verlor und in eine ihr eigene Welt hinabtauchte. Vielleicht redete sie auch mit dem Kind, daß nicht mehr da war oder mit sich selbst. Vielleicht erlebte sie auch noch einmal was passiert war, erlebte es wie in einem Traum. Sie gleitete zurück zu dem Tag an dem es begann, an dem ihr Unheil begann und meines be­schlossen wurde.

Verschwommen sieht sie sich in ihre kleine Wohnung kommen, die sie mit ihrem Mann teilt, ein widerlicher Kerl, bei dem man sofort an Schmutz denkt und der ver­sucht, sich diesen Schmutz innerlich mit Bier abzuwaschen. Wie er dort auf dem Sofa sitzt, in dem kleinen schäbigen Wohnzimmer, mit einem roten schwitzendem Kopf auf seinem fetten Körper und das Bier in sich reinpresst, und wie er in den Fernseher starrt, als ob dort alle Wahrheit zu finden wäre, die seine eigene, bittere ersetzt. Sie erinnert sich, wie sie voller Angst zu ihm geht und hört sich aus weiter Ferne sagen: „Ich bin schwanger!“ Langsam dreht er den Kopf zu ihr und schaut sie aus seinen kleinen Augen an.

„Was hasse jesacht?“ Die Worte stößt er langsam und drohend hervor, er stützt sich mit beiden Händen auf das Sofa und wuchtet sich heraus.

Eine Träne rinnt aus Auroras rechtem Auge, sie sieht zu Boden und hält ihren Körper mit den Armen umschlungen, als wollte sie sich schützen.

„Ich bin schwanger.“ flüstert sie.

Peng! Der Faustschlag trifft sie mitten ins Gesicht, sie fällt zu Boden und schmeckt Blut. Ganz entfernt erinnert sie sich an ihren Vater und an den Gürtel, der sie Moral und Anstand lehren sollte, man kommt doch nicht zu spät nach Hause, man kleckert nicht beim essen.

Sie will etwas erwidern, aber sie schafft nur ein Krächzen, das Blut vermischt sich mit den Tränen und sie beginnt zu Husten.

„Du kleine dreckige Schlampe“ brüllt ihr Mann, „du willst mich wohl verscheißern, du dreckige Hure, du konntest wohl nicht aufpassen, hä?“

Er tritt sie in den Bauch, mit seinen ekligen ausgelatschten braunen Schlappen, ein Speichelfaden rinnt über sein Kinn während sie wimmert.

„Ich kann doch nichts dafür, ich…“ weint sie leise.

„Halt die Fresse! Ich kann doch nichts dafür, wen willst du hier verarschen!? Bin ich schwanger? Willst mich wohl fertigmachen, hä? Ich werd dir zeigen wie man schwan­ger wird!“ schreit er weiter. Er packt sie an den Haaren und zieht sie nach oben, er wirft sie mit dem Oberkörper auf das Sofa, er hält sie immer noch mit einer Hand an den Haaren fest, mit der anderen zieht er ihren Rock hoch und zerreißt ihr Höschen, er öffnet seine Hose und stößt zu, immer wieder und immer wieder, doch Aurora nimmt es nicht mehr wahr. Das Einzige was sie denkt ist, daß er so grauenhaft stinkt, sie denkt, daß sein Gestank sie noch umbringt. Als er fertig ist läßt er sie los, sie fällt vom Sofa und bleibt liegen, eingetaucht in ihre Traumwelt, in der sie sich lachend am Meer spazieren gehen sieht.

Irgendwann wacht sie auf, ihr ist kalt auf dem harten Boden und sie versucht zu ver­stehen, wie sie dahin gekommen ist. Aber die Erinnerung ist verschwommen, und sie versteht nicht, warum ihr alles weh tut, warum sie blaue Flecken hat und woher diese Schmerzen im Bauch kommen. Sie will nicht darüber nachdenken, sie traut sich nicht, sie hat so eine Ahnung, daß das, woran sie sich erinnern würde schlimmer wäre als die Schmerzen. Und es funktioniert, die Erinnerung ist nicht greifbar und hinter einem Nebel versteckt. Das Leben besteht oft aus Oberflächlichkeiten; einer der Gründe ist mit Sicherheit der Schutz vor der Verzweiflung, die einen verhüllt, sobald man das eigene Gefühl ins Gesicht geschlagen bekommt. So steht Aurora vom Boden auf und rafft ihre Kleidung zurecht. Sie geht, oder besser, schleppt sich in die Küche um das Frühstück zu richten, der Mann will ja schließlich frühstücken, er hat ja eine harte Ar­beit und ein Recht auf ein gutes Frühstück. Plötzlich schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf, ein Bild, daß ihren fetten widerlichen Mann in seinem abgewetztem Schlaf­anzug auf dem Weg zur Küche zeigt, die Hand kratzend am Geschlecht, und sie fängt an zu Kotzen, sie kotzt den ganzen Frühstückstisch voll mit gelber Galle und würgt, fällt dabei auf die Knie und klammert sich voller Verzweiflung am Tisch fest, als sei er ein ethischer Rettungsring, der einen Rest Würde vor dem Ertrinken bewahrt.

Natürlich macht sie den Tisch wieder sauber,  räumt auf so gut sie kann und merkt erst eine Stunde später, daß das widerliche Arschloch gar nicht mehr da ist, vorsichtig hat sie ins Schlafzimmer gespäht, das leere Bett gesehen und aufgeatmet. Dann hat er auf das Frühstück verzichtet, denkt sie, und ein wunderbares Gefühl der Erleichterung macht sich breit. Im selben Augenblick durchzuckt sie wieder der Schmerz im Unter­leib, sie spürt, daß sie anfängt zu bluten, und das Gefühl der Erleichterung weicht einem Gefühl der Angst. Was soll ich tun, fragt sie sich, was soll ich nur tun?

9.

Feierlich saßen wir um den Küchentisch, Eddie, Nina, Jann und ich. Eddie grinste über das ganze Gesicht und Nina starrte mich an.

„Du hast ein Buch verkauft?“ fragte sie nach einem Moment. „Kein Witz?“

„Nein, kein Witz, ich..“

„Ich hab es ja immer gewußt!“ brüllte Eddie und stürzte sich auf mich, umarmte mich überschwenglich und wollte gar nicht mehr loslassen.

Ich glaube, daß man gute Freunde vor allem daran erkennt, daß sie sich mit einem freuen  können, bar jeder Konkurrenz, wobei aus diesem Verständnis dann eine wahre Loyalität entspringt. Das stetige Mißtrauen, das mich bei fast allen Menschen befällt, meine persönliche Unwillig- oder Unfähigkeit, mich auf die meisten Menschen einzu­lassen, war bei Eddie nicht vorhanden.

Auch Nina schien jetzt begriffen zu haben, worum es ging.

„Hey, das ist ja ein Grund zum feiern! Wohin geht´s?“

„Schwester, niemand erkennt Zusammenhänge so schnell wie du und zieht daraus dermaßen brillante Schlußfolgerungen! Du erstaunst mich immer wieder.“ antwortete Jann trocken. Nina hatte kein Ohr für derartige Ironie, sie nahm derlei Sätze einfach nicht wahr. Um so mehr erstaunte mich ihre gezischte Erwiderung:“Fick dich selber, Jann!“

Jann verschluckte sich beinahe, in ihren Augen blitzte etwas auf das ich sofort als Zei­chen aufziehender Gefahr erkannte, zu oft hatte sich dieser Blick auf mich bezogen und ich beeilte mich die liebenden Schwestern zu unterbrechen.

„Äh, wo wollten wir jetzt hin?“

Eddie stierte bei solchen Gelegenheiten normalerweise in sein Glas, als versuche er dem Getränk sein Geheimnisse zu entlocken oder eine stille Kommunikation aufzu­bauen. Seine Devise war, so erzählte er mir einmal, daß man sich bei einem Streit zwi­schen zwei Frauen auf jeden Fall heraushalten müsse, wenn man nicht mit untergehen wollte. Zu schnell könne sich der Zorn gemeinschaftlich auf einen selber richten, wo­bei der eigentliche Grund der Auseinandersetzung in einem Augenblick in Vergessen­heit gerate. Da er gerade kein Glas zur Hand hatte, betrachtete er hingebungsvoll un­sere Decke, als wäre diese von Michelangelo persönlich gemalt.

Da ich auf meine Frage keine Antwort erhielt und mir Eddies Deckengeglotze lang­sam auf die Nerven ging, stand ich auf und teilte der heimeligen Runde mit, daß ich jetzt ins Montaigne ginge und nichts gegen Begleitung einzuwenden hätte.

„Doch nicht ins Montaigne“ ,stöhnte Nina, „wie wär es denn mit etwas noblerem?“

Eddie stieg plötzlich wieder in die Runde ein.

„Ich hätte wohl Lust mal in diesen neuen Laden zu gehen, ins, ..äh…..“

„Wir gehen ins Montaigne.“ Jann hatte sich entschieden und dies in einem Tonfall ge­äußert, der keine Diskussionen mehr zuließ. Zum Glück.

Auf dem Weg stellte ich mir Nina in einem Nobelschuppen vor. Sie würde prima dort hineinpassen, sie sah sehr gut aus und konnte sich erstaunlicherweise hervorragend be­nehmen, wenn es darauf ankam. Allerdings ging mir dabei nicht die Geschichte aus dem Kopf, die mir Jann letztens erzählte, daß Nina ihren Tampon nicht mehr herausbe­kommen hatte, Eddie mit ihr in die Notaufnahme fahren mußte und sich wohl in seinem ganzen Leben noch nicht so geschämt hat. Ich sah Nina förmlich in einem dieser Lokale sitzen, das Tampon verklemmt, wie sie auf dem Stuhl hin und her rutscht, innerlich fluchend und dabei charmante Gespräche führend. Ich fühlte mich wirklich gut als wir das Montaigne erreichten.

Wir bekamen natürlich keinen Platz und standen dichtgedrängt neben einer Horde von Typen, die mich sofort ankotzten. Das Unbehagen, das mich überfällt sobald ich eine Gruppe angetrunkener Menschen sehe, liegt in meiner persönlichen Annahme begrün­det, daß der Mensch noch nicht die eigentliche Menschwerdung abgeschlossen hat, seinen Willen und seine Vernunft nicht immer kontrollieren kann und somit zeitweise in die barbarischen Verhaltensweisen des Tierreiches zurückfällt. Bestärkt werde ich in dieser Annahme bei jeder Nachrichtensendung. Der Abstieg in die zivilisierte Bar­barei. Begünstigt besonders durch mehrere betrunkene Gruppenmitglieder, die wo­möglich noch singen. Vielleicht ist es auch nur Dummheit. Vielleicht nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht leide ich unter Paranoia.

Eddie kam endlich mit den Getränken, die mich zumindest lockerer machen würden, und da ich eigentlich phantastischer Stimmung war,  konnte es auch nicht lange dauern.

Jann zwängte sich zu mir rüber.

„Ob irgend jemand in dem Laden das Buch wohl irgendwann lesen wird?“

„Das ist jetzt wohl nicht so wichtig!“, antwortete ich schärfer, als ich eigentlich wollte. In Wahrheit hatte ich keinen blassen Schimmer ob überhaupt jemand mein Buch lesen will, dies machte mir im tiefsten meines Ichs Angst, und diese Seite hatte Jann gerade berührt.

„Tut mir leid,“ versuchte ich zu retten was zu retten war, „ich habe keine Ahnung.“

Jann schaute mich etwas mißtrauisch an, neigte leicht den Kopf zur Seite und sagte leise:“Nimm dich ruhig etwas zusammen, dir fällt bestimmt kein Zacken aus deiner neuen Krone.“

Als sie meinen flehenden Blick sah gab sie mir einen Kuß und drehte sich zu Nina. Zum Glück schob sich Eddie mit der nächsten Runde an meine Seite.

„Die nächste Runde geht auf mich, Eddie.“

„Ja, ja, ist nicht so wichtig. Was ist mit Jann?“

„Keine Ahnung. Ach scheiße, natürlich habe ich eine Ahnung, ich war etwas unfreundlich, aber manchmal hat sie das Talent zur falschen Zeit die falschen Fragen zu stellen.“ Ich nahm einen Riesenschluck.

„Für wen die falsche Zeit und die falschen Fragen?“ Eddie fing bei der Frage an zu grinsen.

„Was soll das denn sein? Die Dolchstoßlegende? Fall mir jetzt nicht in den Rücken. Wie läufts denn mit Nina, immer noch alles klar?“

„Eigentlich ja, sie ist in letzter Zeit ziemlich ruhig, wie ein Vulkan vor dem Ausbruch, was mir etwas zu denken gibt, aber so sind sie wohl, die Frauen.“

„Hm!“. Mehr fiel mir nicht ein. Sofort wurde ich mißtrauisch, ich würde mit Jann darüber sprechen. Aber, fiel mir dann wieder ein, was solls, ist doch nicht meine Angelegenheit. Irgendwie aber auch doch. Ich verschob die Frage auf später. Über solche Fragen denke ich gerne nach wenn ich das Treppenhaus putze, sie haben nur einen indirekten bezug zu meinem Leben, ich bin nicht konkret betroffen, und meine Entscheidung ist nicht wirklich wichtig.

Nina kam zu uns rüber. Sie stellte sich zwischen uns und warf mir einen langen, fast schon koketten Blick zu. Scheiß auf die vorherigen Überlegungen, jetzt wurde ich tatsächlich mißtrauisch.

„Weißt du,“ fing sie an „ich bin wirklich stolz auf dich. Das ist schon eine tolle Sache mit dem Buch.“ Sie strahlte. „Ich möchte dir ganz persönlich dazu gratulieren.“ Sie fiel mir um den Hals, preßte sich an mich, so daß ich ihre Brüste spüren konnte, sie küßte mich auf den Mund und für einen kurzen Moment strich ihre Zunge zärtlich über meine Lippen. Außer Atem ließ sie mich los, lächelte mich an, drehte sich um und ging weg. Völlig verwirrt schaute ich suchend nach Eddie und Jann, aber keiner schien etwas bemerkt zu haben, Eddie unterhielt sich mit einem mir Unbekannten und Jann starrte völlig fasziniert auf ein Pärchen, das vor uns stand, sich stritt und wie die Reinkarnation von Donald und Daisy aussah. Nur größer. Und jetzt? Sollte ich Jann davon erzählen, oder die Sache auf sich beruhen lassen, die Schuld dem Alkohol und der guten Laune zuschieben? Nicht zu vergessen, daß ich mich wiedermal auf  unheimliche Art geschmeichelt fühlte, erregt durch das Verbotene, als hätte man mir den Apfel hingehalten und wartete darauf, daß ich reinbeißen würde.

Nach diesem inneren hin und her ging ich doch rüber zu Jann.

„Äh, Jann, ….“. Mir fiel kein Anfang ein. Wahrscheinlich irrte ich mich auch. Bestimmt sogar, kein Grund für irgendeinen Aufwand.

„Äh, wie läufts eigentlich bei Nina und Eddie wirklich? Alles klar bei den beiden?“

Jann schaute mich etwas mißtrauisch an.

„Wieso?“

Ich zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf, versuchte einen nur leicht interessierten Gesichtsausdruck beizubehalten.

„Soviel ich weiß ziemlich gut, ich hab von keinem etwas anderes gehört. Aber man steckt ja nicht drin, oder?“ Sie fing an zu lachen. Sie haßte diese Art Floskeln.

„Die da sehen aus wie Daisy und Donald, vielleicht kann sie ja Eier legen und der Typ beschwert sich über den Lärm jeden morgen beim Frühstück!“ flüsterte ich ihr ins Ohr. Ihr Lachen nahm jetzt leicht hysterische Ausmaße an und ich lachte mit, aber worüber wir genau lachten wußte ich nicht, der bescheuerte Witz konnte wohl kaum der Grund sein; aber wir lachten, und für mich war es wie das erlösende Gewitter nach einer drückenden Schwüle. Vielleicht verdrängte ich unterbewußt auch nur die Schwüle und ignorierte das aufkommende Gewitter, das sich unmerklich angeschlichen hatte, da ich nicht sagen konnte woran es lag, etwas wie eine nicht genau definierbare atmosphärische Störung. Ich weiß es immer noch nicht, aber Ninas „Glückwünsche“ blieben in meinen Kopf mit einer gewissen Neugierde haften.

10.

Am nächsten Tag fühlte ich mich übel, der schlimmste Kater seit langem. Auch in den darauffolgenden Tagen fühlte ich mich nicht besonders, der Zustand der nachlassenden Wirkung des Alkohols ging fließend in den Zustand einer nachfolgenden Depression über. Ich hatte keine Lust aufzustehen, ich wußte einfach nicht wozu, ich konnte nicht schreiben, nicht eine einzige Zeile fiel mir ein, Panik machte sich in mir breit, sollte das schon das Ende meiner kreativen Laufbahn sein? Meine Laune verschlechterte sich nach diesen Gedanken weiter, meine einzige Hoffnung war die Tatsache, daß ja ein Buch immerhin schon angenommen war, so schlecht konnte es ja nicht sein. Oder doch nur Zufall? Jann ging mir in dieser Verfassung auf die Nerven, sie konnte eigentlich überhaupt nichts dafür, aber sie war nunmal gerade da, und um so mehr sie fragte, was ich hätte, desto weniger wußte ich es selber und jedesmal fielen meine Antworten schärfer aus.

„Es geht mir langsam auf die Nerven, dich mit dieser Leidensmiene den ganzen Tag umherspazieren zu sehen. Sag endlich was du hast oder mach zumindest die Tür zu, daß ich das Elend nicht sehen muß!“ Fuhr sie mich an, nach ein paar Tagen einen letzten Versuch startend.

Irgend etwas mußte in mir in diesem Augenblick ausgesetzt haben. Ich antwortete, ich schrie, daß sie sich um ihren eigenen Scheiß kümmern soll, ein sensibler Schriftsteller wie ich habe es wohl kaum nötig irgendein beschissenes Psychogelaber zu ertragen, was sie sich eigentlich einbilden würde. Meine Unfähigkeit diesen Ausbruch zu erklären dauert bis zu diesem Zeitpunkt an, vielleicht ist es tatsächlich so, wie schon gesagt, das es ein unbewußtes Aufbäumen gegen ihren Einfluß war. Aber wieso, es gab keinen Grund, sie lies mich alles machen was ich wollte, sie unterstützte mich und ich liebte sie mehr als mein Leben. Wieso also? Wieso suchte ich mir den Schatten obwohl ich in der Sonne hätte liegen können.

Jann starrte mich völlig entgeistert an, ich spürte ihr Entsetzen und die Unfähigkeit darauf zu reagieren fast körperlich, und das stachelte mich noch mehr an, in meinem Kopf herrschte ein einziges durcheinander, das zu einem Brausen emporschwoll. Und so schrie ich weiter, wie von Sinnen, sie solle sich doch einen ihrer Kunstpisser suchen, wenn sie das glücklich machen würde, warum sie sich zum Ziel gesetzt hätte, mich zu Nerven und so weiter. Jann drehte sich um und ging, ohne ein Wort zu sagen. Die Tür fiel ins Schloß. Ich begann mir selber leid zu tun, verlassen in einer grausamen Welt, ganz allein und ich fing an zu weinen. Wie konnte sie nur einfach gehen und mich in diesem Elend zurücklassen! Ich begann etwas zu trinken und dachte daran, mich aus dem Leben zurückzuziehen, mit einer einfachen Tat dem komplexen Gebilde, das sich Leben nennt, den Rücken zu kehren und mich angesichts seiner angeblichen Wichtigkeit höhnisch lachend zurückzuziehen und es ad absurdum zu führen. Wie leicht das wäre. Aber dazu bin ich zu feige, immer noch, und ich liebe dieses komplexe Gebilde, spüre diese Glut in mir, die mich jeden Tag Leben läßt um meinen ureigenen Sinn für dieses Leben zu finden.

Irgendwann an diesem Abend klingelte es an der Tür, ich öffnete ziemlich betrunken und Eddie stand vor mir, er schob mich zu Seite und stapft ins Zimmer. Er sah mich drohend an.

„Was sollte das? W a s ist in dich gefahren?“ sagte er ganz leise und die Fragen durchschnitten wie ein unglaublich scharfes Messer die Luft. Ich schaute ihn etwas verwirrt an.

„Was? Was meinst …“

In diesem Augenblick schlug er zu, ich sah fast wie in Zeitlupe seine Faust auf mich zukommen und spürte mich durch die Luft wirbeln.

„Vielleicht hilft das dir ja wieder einen klaren Gedanken zu fassen, hä?“ brüllte er mich an. In der Tat überfiel mich schlagartig eine gewisse Nüchternheit.

So, sagte er als ich mich aufrichtete, jetzt können wir uns ja vielleicht vernünftig unterhalten. Was mich in dieser Situation am meisten wunderte war, daß ich niemals angenommen hätte, Eddie würde sich so extrem für einen anderen einsetzten, in diesem Fall für Jann. Für mich war dieses Engagement nicht nachzuvollziehen, obwohl ich es bei anderen durchaus schätze, aber ich denke immer noch, daß Jann, würde sie davon wissen, am liebsten im Boden versunken wäre.

„Hör zu,“ fing er wieder an, „Nina hat mir eben von der Geschichte erzählt und, ach Scheiße, ihr seid meine Freunde, ich meine wirklich Freunde, mir liegt viel an euch…“

Seine Stimme begann zu schwanken.

„Wie kannst du so bescheuert sein!?“

Eine tiefe Zuneigung ergriff mich zu diesem Riesen, dem die Geschichte anscheinend wirklich nahe ging. Mir übrigens auch, vor allem wegen Jann, ich traute mich kaum darüber nachzudenken was ich gesagt hatte. Aber auch wegen Eddie, ich konnte mir vorstellen, wie unangenehm es für ihn sein mußte, sich derart zu öffnen. Oder ich projizierte nur mein eigenes Wesen in die Situation und es war ihm nicht unangenehm, sondern ein tiefes Bedürfnis.

Eddie ging sich ein Bier holen, setzte sich neben mich und schaute mich an.

„Ich weiß nicht, was…“ sagte ich flüsternd.

„Ich weiß nicht wohin mit mir,“ fuhr ich leicht schluchzend fort, „es ist als ob ich in ein tiefes Loch falle und mich die Dunkelheit umhüllt, auch wenn sich das kitschig und abgegriffen anhört, und ich falle einfach, und ich schreie, ich schreie so laut und habe das Gefühl keiner hört mich, und so schreie ich das Leben an, und ich kriege keine Antwort…“.

Mein Kopf fiel auf Eddies Schulter, im nachhinein scheint es mir fast theatralisch, aber in diesem Augenblick war mir danach, als wäre Eddie mein Anker, der mich davon abhielt einfach wegzutreiben.

„Was ist also dein Problem?“ fragte er nach einer Weile.

„Was mein Problem ist? Das habe ich doch gerade gesagt.“

„Nicht dein metaphysisches Problem, dein reales, jetzt existierendes Problem, du Arsch!“

Ich zögerte.

„Ich glaube, ich habe Angst mein Glück gefunden zu haben und es entpuppt sich als Fälschung, als Illusion, ich kann es nicht halten und es entgleitet mir, es rutscht mir weg wenn ich es festhalten will. Was ist wenn Jann abhaut, wenn ich nicht mehr schreiben kann, …keine Ahnung, ich weiß nicht was noch, es ist, glaube ich, ein unterschwelliges Gefühl, nicht greifbar…“ Meine Offenheit überraschte mich. Aber ich fühlte mich ein wenig besser.

„Das hast du ja auch schon fast geschafft,“ murmelte er, „Jann sitzt bei Nina und ist stinksauer, und … ich weiß auch nicht, Nina wird irgendwie mit runtergezogen und die Stimmung ist scheiße.“

„Äh, ich glaube ich sollte mal mit Jann reden.“ Nach meinen Ausbrüchen und dem Gespräch mit Eddie überkam mich eine fast fröhliche Stimmung, es wird schon wieder, dachte ich, und eine leichte Erschöpfung lullte mich ein, so als ob ich stundenlang geweint hätte.

Viel später, als Eddie längst gegangen war, stand ich mit einem Bier am Fenster und starrte in die Nacht. Ich sah die verwitterten und alten Bäume, die an der Straße wie zum Appell aufgereiht standen, ich sah die Laternen wie künstliche Monde ihr fahles Licht auf die Straße schmeißen und ich spürte die unwirkliche Stille, die die Nacht verbreitet, fast körperlich. Durch die Schönheit dieses Moments und diese unglaubliche Stille fühlte ich mich wieder lebendig, als wäre ich einem häßlichen Schlund in letzter Sekunde entsprungen. Und so schaute ich mir die dunkle Welt nur an, dankbar für die Existenz, ohne sie jedoch nur annähernd zu verstehen.

11.

Am frühen Morgen geisterte ich durch die Wohnung rastlos hin und her, ich putzte, spülte, und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ich war unglaublich nervös, voller Angst und Vorfreude, Jann wiederzusehen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung wie Jann reagieren würde, könnte gut sein, daß sie mir die Tür vor der Nase zuhaut. Draußen regnet es in Strömen, wie passend, warum auch nicht, das Schicksal besitzt seinen eigenen Humor, ich hoffte es amüsiert sich.

Ich machte mich zu Fuß auf den Weg, vielleicht würde sie ein durchnäßtes Sünderlein-Aussehen milder stimmen, wobei ich in dieser Hinsicht keinerlei Hoffnung hegte. Allerdings machte ich mir die Hoffnung, daß es sich in meinem Kopf aufklärt und ich nicht anfangen müßte zu stammeln wie ein Idiot. Das Wasser begann meinen Kragen herunterzulaufen, mein Hemd legte sich wie ein feuchtwarmes Tuch um meinen Hals. Vielleicht doch keine so gute Idee. Ich stürmte in das nächste Kaffee und ergatterte einen Platz neben zwei alten, viel zu stark geschminkten Schachteln. Das Cafe hatte den kalten Charme einer Autobahnraststätte, aber wen interessiert das, ich hätte in einem Schloß sitzen können und es wäre mir egal gewesen. Die Kellnerin wankte auf mich zu, warf mir einen verachtenden Blick zu, tut mir leid wenn ich störe, war mein erster Gedanke, und schleuderte mir ein kaltes „Und?“ entgegen.

„Ähm, ich hätte gerne einen Kaffee.“

„Ah. Kännchen?“

„Nein. Nur eine Tasse.“

„Hier gibt’s aber nur Kännchen!“

„Dann halt ein Kännchen!“. Ich wurde unruhig, die Frau begann mich zu nerven, ich bin noch nicht soweit, daß ich die Gelassenheit des Alters für mich in Anspruch nehmen könnte, und heute war sowieso nicht der schönste Tag in meinem Leben.

„Wenn sie ´ne Tasse woll´n, müssen sie woanders hin.“

Ich merkte, wie mein Puls sich beschleunigte.

„Wie wär’s, wenn sie mir einfach eine von ihren beschissenen Kännchen bringen würden und sich dann in Luft auflösen?“ zischte ich sie an, ich stand kurz davor zu explodieren.

„Ja, ja,“ maulte sie, „man wird ja noch mal fragen dürfen!“

Am Nebentisch begannen die beiden Frauen über die Probleme ihrer Familien zu reden und wem sie am ehesten eine Therapie empfehlen würden. Zum Kotzen.

Als der Kaffee endlich kam, nahm ich einen großen Schluck, verbrannte mir natürlich den Mund, spuckte den Kaffee auf den Tisch und schrie auf. Die Frauen drehten sich um und fingen meinen, so vermute ich, völlig irren Blick auf.

„Geht es ihnen nicht gut, junger Mann?“ fragten sie vorsichtig.

„Doch, ja, alles prima, vielleicht brauch ich auch nur eine Therapie!“ murmelte ich.

Als ich wieder auf der Straße stand regnete es immer noch. Kurze Zeit später stand ich vor Ninas Wohnung, immer noch völlig naß und mein Herz spielte in meiner Hose verrückt.

Nina machte mir die Tür auf. Sie schaute mich vorwurfsvoll an, aber keineswegs sauer.

„Aha, der Herr läßt sich auch mal blicken. Wird zeit, oder?“

„Ist Jann vielleicht da?“ Nina nervte mich jetzt schon.

„Hm, mal sehen, meinst du die Frau bei der du dich wie ein Arschloch benommen hast?“ fragte sie oberlehrerhaft.

„Nein, die Frau die das Pech hat gleich keine Schwester mehr zu haben!“ zischte ich.

Nina schien die Situation zu amüsieren.

„Du mußt gerade reden.“ Kopfschüttelnd und leicht grinsend stand sie immer noch vor mir.

„Nina, verpiß dich.“

Widerwillig ließ sie mich durch. Ich fand Jann in der Küche auf der Couch, die Beine angewinkelt, eine Tasse in der Hand. Sie war wunderschön, sie zog mich sofort wieder in ihren Bann. Erstarrt blieb ich an der Tür stehen, unfähig irgend etwas zu sagen. Sie schaute mich an, sie sah so traurig aus, jemand riß mein Herz in diesem Augenblick bei lebendigem Leibe heraus. Ich hatte bisher keine Sekunde ernsthaft daran gedacht sie würde mich verlassen, wie ein Schock überfiel mich diese Möglichkeit, ich begann leicht zu zittern. Mir wurde übel.

„Jann…“, flüsterte ich, „…ich….“. Eine Träne fiel zu Boden, ich konnte nicht anders, ich stand kurz vor meiner Auflösung  in Atome. Ich fiel vor ihr auf die Knie, ich legte meinen Kopf in ihren Schoß, ich weinte wie ein Baby. Die Zeit schien stillzustehen, ohne Bedeutung. Irgendwann zog Jann mich hoch und schloß mich in ihre Arme, und so blieben wir sitzen, das einzige Geräusch machte der Regen, der auf die Scheiben prasselte und sich unbeeindruckt von allem Geschehen austobte.

„Das darf nicht noch mal passieren.“ flüsterte Jann irgendwann, „Nie wieder.“

Ich konnte nur nicken, und innerlich betete ich, daß die Narben nicht so tief sind, daß sie nicht jemals verheilen könnten. Ich hatte mit Vorwürfen gerechnet, ich dachte sie würde mich nach dieser Aktion vielleicht anschreien, aber es kam nichts. Nur dieser eine Satz, sie hatte es nicht nötig einem am Boden liegenden zu treten, sie hatte sich sehr klar ausgedrückt und gleichzeitig unserer Beziehung noch eine Chance gegeben. Den ganzen Weg nach Hause ließ ich sie nicht mehr los, ich hielt sie fest als könnte sie es sich noch anders überlegen. Ich ließ erst los, als wir zu Hause eingetroffen waren.

12.

So einfach sich das anhört, aber nach kurzer Zeit hatte es den Anschein, als wäre Jann nie weg gewesen. Wir verstanden uns wieder glänzend, obwohl ich ein permanentes Gefühl der Vorsicht verspürte. Aber bis vielleicht irgend etwas passierte genoß ich ihre bloße Anwesenheit, ich beobachtete sie, wie sie hingebungsvoll eine Zeitung laß oder abwesend auf einem Kugelschreiber herumkaute. Mir machte es wahnsinnige Freude, zu hören wie sie unter der Dusche stand und legte mich ab und zu auf ihr Bett, nur um ihren Geruch um mich zu haben. Ich sah zu, wie sie mit nassen Haaren durch die Wohnung streifte und nach irgendwelchen Dingen suchte, und wie sie, wenn sie sie gefunden hatte, einen kurzen Schrei der Freude ausstieß. Sogar ihre Sachen zusammenzusuchen, die sie gewissenhaft überall verteilte, bevor sie ins Bad ging, machte mir Spaß. Ich fühlte mich dann wie ein Vogel im Wind, ein Labsal für meine geplagte Seele, aber nie vergessend, daß sie beinahe erstarrt wäre.

Wir beschlossen an die Küste zu fahren, einen Urlaub einzulegen. Und obwohl ich das Meer noch nie besonders mochte, es jagt mir geradezu Angst ein, freute ich mich wie ein Kind. Nina und Eddie wollten mitkommen, nur um aufzupassen, wie er mir zuzwinkernd zuflüsterte, was meine Begeisterung für einen kurzen Moment zu dämpfen vermochte, aber, was solls, Jann schien sich ehrlich über das Angebot ihrer Schwester zu freuen. Ich bewunderte die beiden heimlich für ihr gutes Verhältnis, zu meiner Schwester hatte ich schon jahrelang keinen Kontakt mehr, er brach ab, als sie einen angehenden Filialleiter einer Bank geheiratet hatte, und ich für sie nur das schwarze Schaf der Familie war, der, der es zu nichts bringen würde und den sie später wahrscheinlich noch mit versorgen müßte. Unter seinem Einfluß natürlich. Vielleicht nahm sie mir immer noch übel, das ich ihm die gesamte Schlammbowle auf ihrer Hochzeit über den Kopf gegossen habe, der Typ war nicht zu ertragen, er nutzte jede Gelegenheit, mir meine Zukunft zu erklären, ich könnte ja auch eventuell in seiner Bank anfangen, um mir so eine Existenz aufzubauen. Schon bei dem Gedanken wurde mir übel und ich sah Punkte vor den Augen, aber er meinte es gut, er wußte es wohl auch nicht besser, er hätte nur nicht sagen dürfen, daß meine Eltern wahrscheinlich an diesem Schlamassel schuld sind, in der Erziehung werden ja oft Fehler gemacht, wenn es an strenger Führung mangelt, fügte er jovial hinzu. Dann erinnere ich mich noch, wie er im nächsten Moment mit der Bowleschüssel über dem Kopf vor mir stand, meine Schwester hysterisch kreischte und anfing zu heulen, wobei ihr gesamtes Make-up verlief und sie aussah wie eine Vogelscheuche im Brautkleid. Dann war ich an der Reihe einen gewaltigen Lachkrampf zu kriegen, es sah alles so bescheuert aus, fast schon surreal, ein weibliches Wesen zog mich aus der Schußlinie, brachte mich auf ein Zimmer, warf mich auf das Bett, ich war völlig betrunken, und versuchte dann mich zu entkleiden. Nachdem sie das geschafft hatte, zog sie sich ebenfalls aus, setzte sich auf mich und fing an, ihren Hintern rhythmisch kreisen zu lassen. Mir gelang es sogar noch in sie einzudringen und ihre Brüste fest zu umklammern, als plötzlich die Tür aufging und meine Schwester mit ihrem nassen Bräutigam in der Tür stand und beide wie Schwachsinnige starrten. Ich bekam wieder einen Lachkrampf und das nächste, woran ich mich erinnere, ist eine Bushaltestelle, an der ich mitten in der Nacht stand. Seit diesem Tag war der Kontakt zu meiner Schwester eingefroren, was mich aber nicht sonderlich störte, ich hoffe, die beiden haben ein glückliches Leben.

Jann und Nina machten sich an die Urlaubsplanung, suchten eine Hütte aus, verglichen ihre Badeanzüge und so weiter. Eddie und ich gingen ins Montaigne.

Da es erst früher Abend war hielt sich der Betrieb in Grenzen, das war mir nur recht, eine fast leere Kneipe strahlt meiner Meinung nach etwas Beruhigendes aus, als würden die Geschichten längst vergangener Zeiten ein stummes Zwiegespräch halten. Eddie begrüßte überschwenglich den Barkeeper.

„Hola, Ben, wie läuft das Geschäft?“

„Hm. Geht. Bei dir?“

„Ich mach ´ne kreative Pause. Urlaub sozusagen. Vielleicht würde es besser laufen, wenn das Bier hier kalt wäre!“

„Du brauchst es ja nicht zu trinken.“

„Ja, wir hätten dann gerne zwei, wenn es dir nicht zuviel Mühe macht, mit Schaum!“

„Geh zum Teufel, Eddie.“

Eddie lachte leise. „Jau, aber nur mit dem Bier in der Hand!“

Wir setzten uns in eine Ecke.

„Puh“, fing Eddie an, „ein Glück, daß bei euch wieder alles gut läuft. Ich hab´ mir schon Sorgen gemacht.“

„Ich mir auch, Jann sah nicht besonders glücklich aus.“

„Nicht um Jann, um dich!“

Ich zündete mir eine Zigarette an und starrte auf mein Bier.

„Sie wäre beinahe weg gewesen!“

Er zuckte nur mit den Schultern.

„Hast du was?“ fragte ich ihn nach einer ganzen Weile.

Verschwörerisch beugte er sich zu mir.

„Hat Jann dir irgendwas von Nina erzählt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wir haben in letzter Zeit nicht mehr soviel Sex!“

„Was?“

„Na, ja, sie meint sie hätte im Moment nicht soviel Lust.“

„Ach so.“

„Wie ‚ach so‘, soll das ein Witz sein? Ist das alles, was dir dazu einfällt?“

Ehrlich gesagt, war es das tatsächlich, das mit dem Sex ist so eine Sache, es wird mehr darüber geredet als über etwas anderes, aber trotzdem hat man nur eine minimale Ahnung. Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal, nach einer Kursfeier in der Schule, es war das totale Debakel, meiner Ansicht nach, sie meinte aber, es wäre toll gewesen! Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich angelogen hat, und ich würde niemals einen imitierten Orgasmus erkennen, geschweige denn, ob die sexuellen Bedürfnisse der Frau hinreichend befriedigt sind. Aber Jann hatte sich noch nicht beschwert, wenn man das so primitiv sagen kann und ich hatte trotz aller Unwägbarkeiten das Gefühl, es würde ihr Spaß machen. Auch wenn unsere sexuelle Aktivitäten, nach Eddies Erzählungen, nicht an die der beiden heranreichten. Ich bin jedoch durchaus in der Lage auch mal ein Buch zu lesen statt mich den ganzen Tag kopulierend auf dem Boden zu wälzen. Jeder setzt wohl unterschiedliche Prioritäten, obwohl ich Sex wirklich liebe.

„Eddie“ fing ich noch mal an, „jeder braucht mal eine Pause, das ist völlig normal, ich hab´ Nina selten so ausgeglichen erlebt, hör´ auf dir Gedanken zu machen.“

Ich hatte keine Ahnung ob das normal ist oder nicht, aber es schien mir der richtige Satz zur rechten Zeit.

„Was soll ich denn machen, an mir selber rumspielen?“

Ich schüttelte den Kopf. Mit der Zeit hatte ich ihn gut genug kennengelernt, daß ich wußte, er würde noch die nächste halbe Stunde darüber nachdenken. Da war nichts zu machen. Ich begann die anderen Gäste zu mustern. Man konnte hervorragend kategorisieren, die Verklemmten, die Chauvis, die Pärchen nach einem Streit und so fort. Am besten sind die Verklemmten, die versuchen, sich extrovertiert zu geben und dabei völlig versagen, es gibt einfach Leute, die sind nicht witzig, mögen sie sich noch so viel Mühe geben, und es gibt Leute, die können einfach nicht tanzen oder greifen bei der Auswahl ihrer Klamotten permanent daneben. Unglaublich. Ob denen das wohl bewußt ist? An dieser Stelle überfällt mich meistens ein schlechtes Gewissen, sie  sind harmlos und versuchen wie alle das beste aus ihrem Leben zu machen. Welches beschissene Recht habe ich, mich darüber lustig zu machen? Leider gingen diese Anfälle von Gewissensbissen immer schnell vorbei, und ich schaute mir die Leute weiter an, als Schriftsteller muß man das vielleicht auch, aber um so mehr man beobachtet, um so mehr Illusionen über das Menschengeschlecht verliert man.

Eddie klinkte sich wieder in unser Raum-Zeit-Kontinuum ein.

„Ich glaube ich warte einfach ab! Was meinst du?“

„Eine wahrhaft weise Entscheidung, geboren aus einem weisen Geist, Eddie.“

„So bin ich!“ Er lachte leise vor sich hin.

Eine völlig fertige Frau stolperte ins Montaigne. Eddie zuckte zusammen.

„Scheiße! Oh, scheiße, ich dachte Nicole wär nicht mehr auf Drogen!“

„Häh?“

„Nicole, das Mädel da, ich kenne sie von früher, immer Klassenbeste und so, und plötzlich, peng, ging es bergab, man munkelte irgend etwas von Inzest.“

Er begann zu winken. Sie sah ihn und erstarrte für einen kurzen Moment. Langsam kam sie zu uns rübergeschlichen. Sie sah furchtbar aus, völlig bleich, tiefe Ringe unter den Augen, dreckiges blondes strähniges Haar, abgemagert bis auf die Knochen. Aber das Schlimmste waren ihre Augen, sie waren so leer und kalt, daß mich eine Gänsehaut überfiel. Sie trug eine abgewetzte Lederjacke und darunter ein ausgewaschenes T-Shirt mit der Aufschrift „Ich ficke euch alle, Wichser!“.

„Nicole, wie geht´s?“

Als Eddie diese Frage stellte hätte ich beinahe in mein Glas gespuckt. Wie sollte es ihr gehen, oder hatte ich einen neuen Trend verpaßt?

„Ah, Eddie,“ flüsterte sie leise, „ja, ja, geht so, oder?“

Sie schien permanent zu zittern.

„Äh, du siehst mitgenommen aus.“

„Nein, das ist Tarnung, sie befehlen es mir. Ich muß so aussehen, damit sie mich mitnehmen, sie wollen mich bald holen.“

„Hm. Ja.“ Kurze Pause. „Nimm´s mir nicht übel, aber…Wer sind die?“

„Die Askarianer.“ Ihr Blick bekam einen leicht irren Touch. „Sie kommen mich zu holen, ich habe Kontakt und sie beherrschen meinen Kopf. Die Drogen sind der Zugang, deshalb sind sie verboten.“ Sie neigte den Kopf und starrte mich an. Ich konnte mich nicht bewegen, die Situation hatte etwas irreales.

„Du kennst sie auch, oder?“ fragte sie mich.

„Ich, äh,…“ Ich war überfordert.

Eddie rettete mich.

„Nicole,“ sagte er sanft, „ich glaube, du bist stärker als sie.“

„Ich will nicht stärker sein als sie, ich will das sie mich holen, ich will daß sie mich wegbringen von diesem Tod. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

Sie drehte sich um und machte Anstalten zu gehen.

„Nicole!“ rief Eddie hilflos. Sie drehte sich um und ihr Blick wurde für einen Moment klarer.

„Eddie, ich wünsche dir alles Gute.“

Dann ging sie. Sie ging einfach wieder aus dem Laden und aus unserem Leben raus, so als ob sie nur hereingekommen wäre, um sich kurz mit Eddie zu unterhalten. Ich weiß bis heute nicht, was sie eigentlich  wollte, was sie gesucht hat, ob sie sich nur kurz aufwärmen wollte. Ich habe nie mehr etwas von ihr gehört, aber ich hoffe, sie hat gefunden was sie suchte.

Eddie schüttelte den Kopf, es war eine hilflose Geste.

„Sie hat mir mal etwas auf den Tisch geschrieben, so ungefähr: Wenn ihr mit meinen Augen sehen könntet, würde euch schlecht werden. Aber wenn ich mit euren Augen sehen müßte, würde ich kotzen.“

Er schaute mich traurig an. Mir fiel nichts ein, gar nichts. Nichts passendes. Also ging ich die nächste Runde Getränke holen. Als ich zurückkam grinste mich Eddie zögernd an.

„Hast du eigentlich eine Ahnung wo diese Askarianer leben?“ fragte er und fing an zu lachen, ich schüttete das Bier über den Tisch vor Kreischen, wir näherten uns der Hysterie. Als wir uns immer noch glucksend wieder beruhigten, schien eine schwere Last wie weggeblasen, aber wie nach einem Sturm, der Verwüstungen hinterläßt, blieb ein feiner schaler Nachgeschmack zurück. Es ist nicht so, daß diese kurze Episode in unserem Leben damit zum Vergessen freigegeben war, sondern eher die Unfähigkeit, mit dem Schmerz und dem Brennen einer anderen Seele umzugehen, sich darauf einzulassen, sie zu umfassen. Es ist der einfachste Weg und die pure Einsicht, daß dem so ist, bringt mich weder moralisch noch menschlich einen Millimeter weiter. Aber es macht das eigene Weiterleben erträglich.

Als wir zurückkamen saßen Jann und Nina in zwei ungepackten Koffern, die jeweiligen Deckel auf dem Rücken, zwei Flaschen Wein vor sich, die Gläser in der Hand und lachten sich tot. Natürlich setzten wir uns dazu, die Koffer packten wir am nächsten Morgen innerhalb von fünf Minuten.

13.

Als Aurora zu dem Arzt schaut, schüttelt dieser mit dem Kopf. Es tut mir leid, sagt er, aber das Baby ist nicht mehr zu retten. Er sagt, daß es nicht lebensfähig wäre, daß es für alle Beteiligten das Beste wäre, wenn die Schwangerschaft unterbrochen würde, möglichst schnell, daß müsse sie doch einsehen, auch wenn es sich im Moment hart anhört, aber usw., usw.. Aber das nimmt Aurora nicht mehr richtig war, sie hört nur wie durch einen Nebel, als wäre sie unbeteiligt und Zuschauerin, das kann sie doch unmöglich betreffen. Sie vergießt vor dem Arzt keine Träne, aber innerlich weint sie um ihr Kind, sie fängt an sich zu verabschieden, sie hält stumme Zwiesprache, sie versucht es zu erklären und sie beschreibt ihrem Kind den Himmel, in den es jetzt kommt, sie beschreibt die grünen Wiesen mit den vielen bunten Blumen, auf denen es jetzt spielen wird, und sie bittet es um Verständnis für das was sie tun wird und tun muß.

In diesem Augenblick, als sie dem Arzt ihre Einverständnis gibt, stirbt auch etwas in ihr, ich glaube, daß es ihr Gefühl ist, ihr Gefühl für alles. Ihr Herz wird kalt und sie friert innerlich ein. Mit dem Kind verschwindet ihre Hoffnung auf ein besseres Leben, sie wird gleichsam mit in den Abgrund gezogen, so als ob das Licht, das sie im Dunkeln gesehen hat, verlöscht ist, und sie steht inmitten einer dunkle Leere.

14.

Als wir am nächsten Morgen in Ninas altem Käfer losfuhren ging gerade die Sonne auf, die zu dieser Zeit begann, ihr unwirkliches Licht auf unsere Seite der Erdkugel zu werfen. Und ich kann nicht behaupten, daß sich einer von uns gut gefühlt hätte. Nina saß am Steuer und kämpfte mit ihrer Magensäure, mir war ebenfalls übel und ich hatte rasende Kopfschmerzen. Jann und Eddie waren sofort wieder eingeschlafen. Ich starrte die ganze Zeit auf die vorbeifliegende Umgebung und ich erging mich in gedanklichen lyrischen Umschreibungen der Landschaft, da dies meine Übelkeit abzulenken schien. Abgesehen davon ist die Fahrt zu einem Urlaubsort für mich immer etwas besonderes, sobald die ersten Kilometer gefahren sind, beginne ich Freiheit zu atmen und spüre ein Kribbeln, als würde ich als Forscher die Weiten dieser Erde erkunden, nur begleitet vom Horizont und dem stetigen Wechsel von Sonne und Mond. Als würde ein Stück Leben neu beginnen, in dem ich die Erde wie ein Säugling von neuem kennenlerne. Und in diesem Augenblick einer rätselhaften Wiedergeburt kommt sie mir wunderschön vor, mit allen Sinnen nehme ich das Grün des vorbeifliegenden Waldes wahr und es ist nicht länger ein beliebiges Alltagsgrün, an dem man schon tausendmal vorbeigegangen ist, sondern ein geheimnisvolles Grün, das in all seinen Schattierungen und seiner fast übernatürlichen Schönheit Einblick in den Teil der Schöpfung gewährt, dem wahrhaft ein göttlicher Plan zugrunde liegen könnte. In diesem Augenblick sehe ich mich als Teil dieses Wunders und ich genieße diesen Augenblick in vollkommener Intensität. Und wenn ich später wie aus einem Traum erwache und die Realität sich ihren Platz zurückerobert, kann ich mich vielleicht nicht richtig erinnern, aber wie nach einem schönen Traum bleibt für kurze Zeit ein Gefühl von innerem Frieden und Glück zurück.

Über diesen Gedanken mußte ich wohl auch eingeschlafen sein, denn als ich wieder aufwachte, konnte ich schon das Salz des Meeres riechen, das die Luft erfüllte. Außerdem saß Eddie neben mir am Steuer und fluchte wie wild, während Jann mit der Karte kämpfte und Nina an ihrer Schulter schlief wie ein Baby.

„Schön, daß du wach bist! Ha! Ich lach´ mich tot! Wo zur Hölle müssen wir hin? Ich sehe nur Kühe und die Gülle macht mich wahnsinnig! Und nimm Jann die Karte ab, sie dirigiert mich noch ins Meer!“

Soviel zum Geruch des Meeres und der Schönheit der Natur. Ich zündete mir erstmal eine Zigarette an.

„Das ist ja wohl kaum meine Schuld!“ schrie Jann von hinten, „Wenn du in die Richtung fahren würdest, die ich dir sage, wären wir schon da, und hör auf mir mit deinem beschissenen Gefühl für die Richtung die Ohren vollzuquatschen!“

„Versuch wenigstens die Karte richtig herum zu halten.“ keifte Eddie zurück.

Ich drehte mich zu ihr um und in diesem Augenblick, bevor ich etwas sagen konnte, warf sie mit hochrotem Kopf die Karte nach vorne und zischte etwas in der Art von „Macht die Scheiße doch alleine!“.

Schweigen.

„Äh,“ fragte ich, „wo müssen wir denn eigentlich hin, ich meine den Namen von..“

„Da ist ein rotes Kreuz auf der Karte, Jann hat´s eingezeichnet.“ antwortete Eddie, sehr beherrscht wie ich fand.

Ich gab mir die größte Mühe, aber ich hatte keine Ahnung wo wir uns befanden, irgendwo inmitten des riesigen grünen Feldes auf der Karte.

Also zuckte ich nur mit den Schultern.

„Pause?“ flüsterte ich und schaute vorsichtig nach hinten. Jann nickte nur, sah Eddie kurz an und sagte heiser:

„Wenn es dem Kutscher nichts ausmachen würde…“

In diesem Augenblick, begleitet von einem ´Leck mich´, trat Eddie auf die Bremse, der Wagen geriet ins Schlingern und rutschte mit der Schnauze in einen Graben. Eddies Gesichtsfarbe wechselte von rot zu dunkelrot, er biß sich auf die Lippen, öffnete seine Tür und stieg aus. Nina, die mit einem kleinen Schrei aufgewacht war, Jann und ich starrten Eddie an, wie er langsam den Kofferraum öffnete, sich eine Dose Bier schnappte, den Verschluß aufriß, mit einer vagen Geste auf uns anstoß, anfing zu grinsen und meinte:

„Ist doch Pause, oder?“

Jann rief „Penner“, Nina schüttelte den Kopf, als wenn sie den Traum, den sie gerade träumen müßte, nicht verstehen würde, und ich nickte, stieg ebenfalls aus, holte mir eine Büchse und kicherte: „Ist Pause!“ Der erste Schluck Bier wäre mir beinahe wieder hochgekommen, aber ich würgte ihm heroisch runter und der zweite ging schon besser. Wie machte Eddie das bloß immer, der Kerl konnte bis zum nächsten Morgen zechen, legt sich dann zwei Stunden hin und springt hinterher widerlich fidel aus den Federn, während ich dem Tod nach so einer Nacht gefühlsmäßig näher stehe als dem Leben.

Nina schien endgültig aufgewacht zu sein, Jann hatte Schwierigkeiten sie festzuhalten, als sie versuchte auf uns zuzustürmen und dabei wie von Sinnen schrie, ob wir sie umbringen wollten, warum wir ihr nicht sofort eine Pistole an die Schläfe drücken würde, das wäre doch wahrscheinlich einfacher und ob wir eigentlich nur Scheiße im Kopf hätten. Dabei leuchtete ihr Kopf hochrot und sie fing, ob des ganzen Gebrülls, an zu husten. Eddie blieb völlig ruhig, was hätte er auch tun sollen, man springt nicht auf einen Vulkan wenn dieser gerade ausbricht. Jann nutzte die Gelegenheit, um Nina ganz in ihre Arme zu schließen, dabei starrte sie fassungslos abwechselnd auf uns und auf Nina, schüttelte den Kopf und zischte:

„Ich fasse das nicht! Und jetzt? Und jetzt, ihr Experten?“

Ich muß zugeben, als ihre Stimme schriller wurde, zog ich instinktiv den Kopf ein. Die Sache drohte zu eskalieren. Ich warf einen verzweifelten Blick zu Eddie.

„Nina, jetzt beruhige dich end…“ versuchte er es und verschuldete sofort einen neuerlichen Wutausbruch, warum sie sich beruhigen sollte, sie hätte uns ja nun nicht in diese Scheiße geritten und wir sollten uns gefälligst etwas überlegen, anstatt hier so bescheuert zu grinsen.

„Ist euch eigentlich mal aufgefallen,“ fuhr Janns Stimme schneidend dazwischen „daß hier seit unserem Zwischenstop kein Auto vorbeigefahren ist?“

Erst jetzt begann ich, mir die Gegend richtig anzuschauen, vorher hatte ich sie gar nicht richtig wahrgenommen. Die beginnende Dämmerung tauchte die Landschaft in ein unwirkliches, fahles Licht und um uns herum war nichts, gar nichts außer endlose Weidelandschaft, nur unterbrochen von aufgetürmten Heuballen. Nicht mal eine Kuh starrte in die Gegend, aber zumindest gaben die Heuballen Hinweise auf menschliche Existenz, zumindest der Planet war immer noch der gleiche.

Ninas Gekreische ging jetzt nahtlos in ein leises Wimmern über, ich bewunderte sie heimlich für ihre Fähigkeit aus der Palette menschlicher Geräusche immer das Treffende herauszusuchen.

„So, und jetzt? Es wird kalt!“ Jann starrte uns abwartend an.

„Äh, wir können ja versuchen, die Kiste wieder auf die Straße zu bringen.“, versuchte ich meine Ideenlosigkeit zu verbergen.

Eddie schien die Idee zu gefallen.

„Versuchen wir es, wenn ihr meint….“

„Wenn die Herren dann ihre Büchsen aus der Hand legen könnten“ sagte Jann, und zu Nina gewandt brüllte sie im gleichen Atemzug „Und hör mit dieser dämlichen Wimmerei auf!“

Nina verstummte sofort, nicht ohne einen bösen Blick zu Jann herüberzuwerfen, aber zumindest hielt sie die Klappe.

Ich wurde das Gefühl nicht los, daß Eddie langsam Spaß an der Sache bekam. Er gab sich Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken, und jedesmal, wenn es ihn zu überkommen drohte, hielt er sich die Büchse vor den Mund. Jann setzte sich also fluchend hinters Steuer, legte den Rückwärtsgang ein und versuchte, den Motor zu starten. Doch das einzige Geräusch, das die Stille zu zerreißen schien, war ein mitleiderregendes Jaulen des Motors, kurz bevor er sich sozusagen mit einem hämischen Blubbern verabschiedete.

„Ich hab` zwar keine Ahnung von Motoren“ fing Eddie an, „aber ich glaube, der ist hin!“

Jann stieg wieder aus und murmelte etwas völlig unverständliches, während Nina auf ihr Auto zustürmte und mit voller Wucht vor den Vorderreifen trat.

Ich zündete mir eine Zigarette an, in Büchern hatte ich gelesen, man solle in solchen Situationen immer die Ruhe bewahren, also gut, ich gab mein bestes und rief mir ruhiger Stimme, daß man die Nacht am besten hier verbringen könnte, es sei schließlich kein Winter und man werde es schon überleben. Bei dem Gedanken daran hätte ich ausflippen können, ich hasse es in der Wildnis zu übernachten, alles ist dreckig und naß, irgendwelche bescheuerten Viecher kriechen auf einem rum und man friert sich die Eier ab, abgesehen davon gibt es morgens keine Möglichkeit heiß zu duschen. Wir setzten uns vor den Kofferraum und ich diskutierte mit Eddie, wer im Auto schläft und wer draußen, wobei die Diskussion ein jähes Ende nahm, als sich Jann und Nina ins Auto setzten, die Türen verschlossen und sich für die Nacht einrichteten.

Ich blieb mit Eddie draußen sitzen, wir tranken weiter Bier, als plötzlich ein uralter Mann zwischen uns saß. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, sein totenkopfähnliches Gesicht wurde von langem weißen Haar umrahmt und er war ganz in Schwarz gehüllt. Auf dem Kopf thronte ein nach oben spitz zulaufender schwarzer Hut mit breiter Krempe. Eddie schien im gleichen Augenblick eingeschlafen zu sein, und ich brachte vor Verblüffung kein Wort heraus.

„Guten Abend, hoffe, ich störe nicht?“ fing die Gestalt an zu plaudern und die Stimme schien in einem riesigen Raum zu verhallen.

„Was??“ Ich drehte mich zu Jann und Nina um, aber auch sie schienen friedlich zu schlafen. Mir gelang es nicht, in die Augen des Mannes zu schauen, sie waren tiefschwarz, aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, hindurchblicken zu können.

„Nun ja, ich habe so wenig Gelegenheit mit lebendigen Menschen zu reden, beziehungsweise mit Seelen, die noch in einem lebendigen Körper hausen. Aber diese Körperlichkeit finde ich immer wieder sehr anregend!“

„Aha!“

„Wissen Sie, es verirren sich kaum Menschen in diese Gegend, und schon gar nicht nachts, wobei gerade die Nacht die perfekte Bühne für mich ist, sie verstehen doch, wegen dem Effekt!“

„Natürlich. Was? Wer zum Teufel sind sie?“

„Ach ja.“ Die Gestalt versank in andächtiges Schweigen und sagte dann mit leicht melancholischer Stimme: „Früher hat man mich des öfteren als den Teufel bezeichnet, aber heutzutage glauben die Menschen ja an nichts mehr. Allerdings gibt es den Teufel so auch nicht, ich bin, ganz einfach gesagt der Tod.“

„Ach so, der Tod. Sicher.“ Ich kniff mir mit voller Kraft in den Arm, aber das Ergebnis war das gleiche, der Typ saß immer noch neben mir. Ich versuchte Eddie aufzuwecken, aber der zeigte keine Reaktion. Es ist nicht so, daß ich nicht bereit wäre, mich auf gewisse spirituelle Experimente einzulassen und ich habe sogar Verständnis für Leute, die ihren Urlaub auf der Astralautobahn verbringen, warum auch nicht, aber das hier ging mir doch zu weit.

„Was kann ich für sie tun, Herr Tod? Und wo wir hier gerade so gemütlich zusammensitzen, wie geht es Gott?“

„Nun ja, den Umständen entsprechend. Nicht viel Grund zu lachen. Ich wollte mich nur unterhalten, keine Sorge, ich hole schon nicht meine Sense raus.“ Die Gestalt begann zu kichern.

„Lustig, nicht? Eine Sense!“ Die Gestalt prustete los. „Entschuldigen Sie, ich werde albern, aber die Einsamkeit und die Langeweile können einen bisweilen etwas hysterisch machen.“

Ich beschloß mich den Umständen zu beugen, was blieb mir übrig, die Gestalt machte keine Anstalten zu gehen, müde war ich auch nicht besonders und es schien auch keine Gefahr zu drohen. Wenn der Irre sich unterhalten wollte, bitte, ich hatte nichts dagegen.

„Sie müßten aber doch eine Menge zu tun haben, nicht? Bei den ganzen Katastrophen?“

„Na ja, das meiste kann man delegieren.“

„Na toll. Vielleicht passieren deshalb auch Fehler? Ich habe das Gefühl, sie holen oftmals die Falschen, oder etwa nicht?“

„Kein Grund für Animositäten. Fehler passieren, aber glauben sie mir, wirklich nur sehr wenige. Und kommen sie mir bitte nicht mit der naiven Einstellung, die Guten müßten länger leben als die Bösen! Ich mache da keine Unterschiede, Gut und Böse sind ihre Begriffe, nicht die meinen, sie glauben gar nicht, was sich da im Laufe der Zeit alles geändert hat. Gut und Böse!“

Die Gestalt begann wieder zu kichern.

„Sehr witzig, Ha, Ha,!“

„Kommen Sie, fragen sie weiter, ich genieße solche Gespräche, sie bringen etwas Abwechslung.“

„Sie können nicht zufällig Autos reparieren?“

„Leider nein.“ Das wäre auch zu schön gewesen.

„Was tun sie eigentlich den ganzen Tag?“

„Oh, ich bin eine Art Empfangschef. Begrüße die Neuankömmlinge und so weiter.“

Die Gestalt versank für einen kurzen Moment in Schweigen.

„Wollen Sie mal mit meinen Augen sehen, für einen Moment?

„Warum nicht.“ In diesem Augenblick begann sich alles um mich herum zu drehen, die Zeit schien gleichzeitig langsam und schnell zu laufen, ich sah tausend Bilder auf einmal, und mir wurde in diesem Moment klar, daß ich die Zeit bin. Ich konnte alles sehen. Alles zusammengefaßt und auseinander, für einen Wimpernschlag begriff ich das Ganze. Und kann es doch nicht erklären.

Als ich aufschreckte war die Gestalt verschwunden, Eddie schien immer noch zu schlafen und ich begann an meinem Verstand zu zweifeln. Aber mir blieb das Gefühl, für einen Moment sehend geworden zu sein, ob es ein Traum war oder nicht, in dieser Sekunde begriff ich die Welt, aber leider konnte ich nicht mehr sagen, was ich eigentlich begriffen und was ich eigentlich gesehen hatte.

Am nächsten Morgen war die Stimmung erwartungsgemäß nicht besonders gut, sämtliche Glieder waren steif gelegen, aber nach einigem hin und her einigte man sich darauf, daß Nina und ich die Straße entlanglaufen und Jann mit Eddie auf vorbeifahrende Autos warten sollten, die den Wagen vielleicht aus dem Graben ziehen könnten. Mein nächtliches Erlebnis führte ich auf das Bier und den Streß zurück und nahm mir vor, weniger zu trinken, jedoch in der Gewißheit, es bei diesem Vorsatz zu belassen. So trottete ich mit Nina los und hörte mir ihre Litanei an, wieviel Pech man wohl haben muß um in so einer Einöde zu landen. Ich ging etwas hinter ihr und betrachtete ihren Hintern, der beim Gehen leicht hin und her wippte und so eine suggestive Wirkung entfaltete. Allerdings war die Betrachtung rein objektiv, redete ich mir ein, es hätte irgendeine Frau vor mir hergehen können, das konstante Wippen ihres Hintern schenkte mir eine angenehme Ruhe. Der Tag begann warm, und so trug Nina einen kurzen Rock, und in dem Augenblick, in dem ein leichter Windzug ihren Rock ein Stück nach oben wehen ließ und ihr weißes Höschen aufblitzen ließ, war es mit der von mir so sicher behaupteten Objektivität vorbei und ich beeilte mich, woanders hinzuschauen.

Nina stöhnte und murmelte etwas von einer Scheiß-Wanderung als sie abrupt stehen blieb und sich umdrehte.

„Hast du ´ne Zigarette?“

„Klar! Warte.“ Ich nestelte die Packung aus meiner Tasche und gab ihr eine. Ich gab ihr Feuer, sie beugte sich leicht vornüber zu der Flamme und legte somit unter ihrem T-Shirt ihre Brüste für mich frei. Wie gesagt, wunderschöne Brüste, ich ließ meinen Blick vielleicht einen Moment länger als angebracht auf ihnen ruhen und Nina hielt ihre Zigarette einen Moment länger als nötig in die Flamme. Die Situation hatte etwas sehr kokettes und sie umwehte der Hauch des Verbotenen, oder ich bildete mir das nur ein und Nina war unschuldig wie eine weiße Rose. Oder auch nicht.

„Laß uns eine kurze Pause machen, ja?“ Ich nickte etwas mißmutig, wir waren erst eine halbe Stunde unterwegs. Sie setzte sich ins Gras neben der Straße, spreizte leicht die Beine und winkelte sie an. Ihr gegenüber stand ein Baum, ich setzte mich ebenfalls und lehnte mich gegen seinen Stamm. In dieser Position konnte ich wieder ihr Höschen sehen, spielerisch zupfte sie am Saum ihres Rockes und bewegte dazu leicht die Beine. Mir wurde heiß, sie machte mich an und gleichzeitig versuchte ich gegen mein aufkeimendes schlechtes Gewissen anzukämpfen. Das durfte ja wohl nicht wahr sein, die Schwester meiner Freundin, und ich liebte Jann, aber was brachte dann mein Blut so in Wallung, so wie sie da vor mir saß, mit diesem „trau dich und tu es “ Blick. Gibt es eine ganz spezielle sexuelle Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen kann, bei der Urinstinkte langsam die Oberhand gewinnen können und man an nichts anderes denken kann, als sein genetisches Material zu verteilen? Unter dem Instinkt der Arterhaltung und genetischen Vielfalt? Oder das Spiel mit dem Verbotenem, das eigene Ego zu bestätigen und dem puren Hedonismus zu fröhnen, dem gängigen Klischee einer ehrlichen Beziehung zu entfliehen, die Fesseln zu sprengen und über Verantwortung zu lachen?

Natürlich hatte ich keine Ahnung, aber ich bemühte mich, an etwas anderes zu denken.

„Vielleicht haben Jann und Eddie ja schon jemanden gefunden, der die Karre..“

„Ja,ja,..“ unterbrach sie mich „..vielleicht.“ Sie ließ sich auf den Rücken fallen und fing an, mit ihrer Hand sanft ihren nackten Bauch zu streicheln.

Das reichte. Ich stand auf und rief ihr dabei schroff zu, daß ich jetzt weitergehen würde, sie könne ja hierbleiben.

„Du Arsch, ich komme schon!“ Sie sprang auf und schloß sich mir wieder an. Diesmal ging ich neben ihr, ihr wiegender Hintern hatte völlig seinen Reiz verloren.

Nach weiteren zwei Stunden, in denen wir schweigsam nebeneinander hergingen, ich ignorierte Ninas Versuche, ein Gespräch zu starten erreichten wir eine Ansammlung von einigen wenigen Häusern, die sich zu beiden Seiten der Straße drängelten und so ihren geraden Verlauf nicht behinderten. Das erste Haus auf der rechten Seite war eine Art Gemischtwarenhandel, in dem es anscheinend alles gab. Wie auf ein Kommando starrten Nina und ich einhellig auf das Kühlregal, in dem sauber aufgereiht verschiedene Bierbüchsen ein hübsches Muster bildeten. Hinter der Kasse am Eingang stand ein alter, knochiger Typ mit riesiger Nase, brauner Stoffhose mit Bügelfalte und weißem Unterhemd, der uns unverhohlen anglotze, vor allem Ninas Brüste schienen ihm zu gefallen. Der Alte ging mir in diesem Augenblick schon auf den Sack. Trotzdem brauchten wir Hilfe, und der Typ sah ziemlich nach einem Traktor aus. Ich bezahlte ein Six-Pack und erkundigte mich, ob irgend jemand hier unser Auto aus einem Graben ziehen könnte. Keine Reaktion.

„Äh, vielleicht haben sie meine Frage nicht verstanden, ich fragte, ob..“

„Ich habe schon verstanden. Ihr Auto.“ knurrte er. Nina wurde unruhig.

„Ja.“ Gab sie zurück. „Im Graben!“

„Hm. Es kommen nicht oft Fremde hierher!“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„So, so.“ Ich versuchte ein herzliches Lächeln.

„Ich hab´ wohl einen Traktor. Aber billig wird das nicht!“

Ich nickte nur, Nina machte sich eine Büchse auf und verließ den Laden. Der Alte schaute ihr interessiert hinterher. Dann schloß er die Kasse ab, schob mich zur Ladentür raus und schloß das Geschäft ab. Er winkte uns ihm zu folgen und führte uns in einen großen alten Holzschuppen hinter dem Haus, in dem ein uralter Trecker stand. Nina starrte ungläubig auf das Ungetüm, und ich beeilte mich, den Mund wieder zuzumachen.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, daß sich hier keiner draußen aufhält? Was soll das sein, eine Geisterstadt?“ flüsterte Nina mir zu. Ich zuckte nur mit den Schultern und beobachtete den Alten, der umständlich auf den Trecker kletterte und sich anscheinend an der Zündung zu schaffen machte, bis dieses Monster aus Stahl mit einem ohrenbetäubenden Schrei zu Leben erwachte.

Wir sprangen auf, hielten uns krampfhaft fest, der Alte gab Gas und wir begannen in einem unglaublich langsamen Tempo die Straße wieder zurückzukriechen. Mein Orientierungssinn war schon immer katastrophal und unterentwickelt, ich erkannte keinen einzigen Baum wieder als wir die Straße entlangkrochen. Während Nina neben mir die Fahrt anscheinend genoß und sich im sanften Fahrtwind räkelte, entwickelte sich, aus den dunklen Kammern meines Gehirns hervorkriechend, ein Horrorszenario, in welchem wir abseits der Straße, auf einem leeren Feld, von diesem Alten, der sich plötzlich in einen psychopathischen Killer verwandelte, aufgeschlitzt wurden und unser gesamtes Innenleben im Boden verbuddelt einem mysteriösen Feldgott geopfert wurde. Als ich meinen Blick jedoch wieder auf den Alten fallen ließ, war diese Version schon in weiter Ferne, der Alte murmelte friedlich über das Lenkrad gebeugt irgendeinen Scheiß vor sich hin. Ich steckte mir eine Zigarette an und öffnete beruhigt eine Büchse. Vielleicht wurde ich langsam neurotisch, aber diese gesamte Zeit ließ mich im Innersten schaudern.

Nina beugte sich zu mir rüber.

„Hoffentlich hat Eddie nicht Jann verführt!“ kicherte sie in mein Ohr. „Aber dann bleibts ja sozusagen in der Familie.“ Sie begann albern zu lachen. Das Bier hämmerte in meinen Kopf und langsam stellte sich ein angenehmes Gefühl der Betrunkenheit ein, zudem tat die Sonne ihr übriges. So begann ich ebenfalls zu kichern und steigerte es zu einem kreischenden Lachanfall. Wie saßen zusammen auf dem Trecker, die Sonne schien, wir hatten einen sitzen und lachten wie die Irren. Der Alte drehte sich um, guckte etwas verwundert und begann dann ebenfalls zu lachen, drei Schwachsinnige auf einem Trecker im Nirgendwo, aber es war wunderbar und in solchen Momenten sollte man nicht wählerisch sein.

Der Rest der Fahrt verlief sehr angenehm und nach einer Weile erreichten wir Jann und Eddie, die im Schatten des Autos lagen und uns träge begrüßten.

“Das hat ja lange gedauert!” Eddie starrte amüsiert auf den Traktor. Der Alte sprang ab, musterte die beiden kurz, und betrachtete dann das Auto.

“Kein Problem!” knurrte er.

Nachdem ein paar Scheine ihren Besitzer gewechselt hatten stieg er wieder auf den Traktor, versuchte Eddie mit wirren Handbewegungen zu zeigen, wie er das Seil anbringen soll, zog das Auto ein Stück auf die Straße bis die Stoßstange abriß, fing an zu lachen, dann zu fluchen, Nina fing an zu kreischen, wir versuchten es gemeinsam und schließlich stand der Wagen auf der Straße. Wir stiegen ein und fuhren, von dem Trecker gezogen, die gesamte Strecke wieder zurück. Es dauerte weitere vier Tage bis die Karre wieder lief und einen weiteren Tag, bis wir endlich das besagte Haus erreichten.

15.

In dem warmen Nachmittagslicht wirkte das Haus wie ein kleines Schloß in einem verwunschenen Garten. Es war natürlich nur ein kleines Holzhaus mit drei Zimmern, so stand es wenigstens in dem Prospekt, aber es wirkte inmitten der vielen Bäume wahrlich majestätisch. Ich fühlte mich glücklich, am Ziel von irgend etwas ohne zu wissen was dieses irgend etwas sein könnte, aber ich war für einen Augenblick wirklich glücklich und wäre ich in diesem Moment zu Stein erstarrt, ich hätte gelächelt. Vor allem schien die Odyssee der letzten Tage in weiter Ferne zu liegen.

“Wow!” entfuhr es Eddie und Nina nickte bestätigend.

Jann grinste über das ganze Gesicht.

“Na, wie hab´ ich das gemacht?” fragte sie.

“Bist du sicher, daß das Haus das richtige ist?” Ich mußte diese Frage einfach stellen.

“Ja, absolut sicher!”

Jann umarmte mich zärtlich und schob mich sanft in Richtung Eingang. Sie schloß die Tür auf und das erste, was ich sah, war ein riesiges Terassenfenster mit einem unglaublichen Blick auf das Meer. Links und rechts von dieser Art Wohnzimmerküche gingen zwei Türen ab, wahrscheinlich die beiden Schlafzimmer, aber wen interessierte das schon, vor mir lag das Meer, mit all seiner Kraft und Schönheit, mit all seiner Unendlichkeit, es leuchtete in wunderschönen Blautönen und ich konnte es riechen, es roch ganz leicht nach Salz, ein fast unwirklicher Duft, der mich verzauberte.

Ich hatte wahrscheinlich minutenlang auf das Meer gestarrt, völlig versunken, denn als ich mich umdrehte, waren alle anderen schon dabei, das gesamte Gepäck in den Zimmern zu verteilen. Sollten sie ruhig, sie ließen mich in Ruhe, das Privileg des Künstlers und gleichzeitig der Fluch, daß diesem weit mehr nachgesehen wird als anderen Lebewesen, in der Angst einen einzigartigen Strom ständig pulsierender Kreativität zu stören, oder um der Anstrengung aus dem Weg zu gehen, mich gerade jetzt zum anpacken zu bewegen. Also, und ziemlich zufrieden mit dieser Grundlegung über das Wesen des Künstlers, drehte ich mich wieder um und dachte über meine Beziehung zu dem vor mir liegenden Meer nach. Es ist das stärkste aller Elemente, unbezwingbar und Grundlage allen Lebens, es ist das ursprünglichste Leben, und vielleicht zieht es mich deshalb so an, es symbolisiert den Weg eines Menschen, von der kindlichen Unschuld des Sandburgenbauens bis zur Weisheit des Alters, eingepackt in den immerwährenden Schlag der Wellen, die für die Dauer eines Wimpernschlages unsere Existenz in der Ewigkeit wahrnehmen.

Eddie ging an mir vorbei auf die Terrasse und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ich setzte mich neben ihn und nahm die angebotene Büchse Bier.

“Es ist wirklich wunderschön hier!” Seine Stimme wirkte in der Sonne und dem Meeresrauschen wie in weiter Ferne. Wir tranken fast andächtig.

“Die Mädels ziehen sich um, zum Schwimmen. Was ist mit dir?”

“Gute Idee, bin dabei!” Ich erhob mich aus dem Stuhl und schlenderte ins Wohnzimmer. Die linke Tür stand etwas offen, und da ich nicht wußte welches Zimmer Jann für uns in Beschlag genommen hatte, schaute ich kurz hinein. Auf dem Bett saß Nina, splitterfasernackt, den Kopf leicht zurückgelehnt, die Augen geschlossen und genoß die durch das Fenster einfallende Sonne, die sich über ihren gesamten Körper ergoß. Es dauerte einige Sekunden bis ich mich losreißen konnte, ich wich zurück, wäre fast gestolpert, holte tief Luft und ging ins andere Zimmer, in dem Jann in einem schwarzen knappen Badeanzug vor dem Spiegel stand, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Mir blieb schon wieder die Luft weg, sie sah unglaublich schön aus.

“Wie findest du´s?” Sie warf mir einen koketten Blick zu.

Statt einer Antwort ging ich auf sie zu, küßte sie auf den Nacken, schob meine Hände unter ihren Badeanzug, umfaßt ihre Brüste, und vergrub mein Gesicht in ihren Haaren.

“Mir gefällt er auch ganz gut!” lachte sie, befreite sich aus der Umarmung und machte sich am Schrank zu schaffen. Auf dem Bett sitzend beobachtete ich sie, jede ihrer Bewegungen, und wußte, daß diese Frau mein fünftes Element ist, ohne das ich in diesem Augenblick nicht existiert hätte. In diesem Moment warf mir das fünfte Element meine Badehose ins Gesicht, warf sich auf mich, küßte mich lange, flüsterte, daß ich mich jetzt beeilen solle, ließ mich wieder los, ging mit lasziven Bewegungen zur Tür, warf mir eine Kußhand zu und war weg. Ich hörte, wie sie draußen mit Eddie lachte und begann mich auszuziehen. In dem Moment, als ich gerade nackt meine Badehose in der Hand hielt, sah ich Nina im Türrahmen, sie lächelte und flüsterte leise “Wie du mir, so ich dir”. Dann drehte sie sich langsam um und entschwand aus meinem Blickfeld.

Später, viel später, sollte ich mich nur noch an eines erinnern, was von diesem ersten Bad im Meer ab und zu in meinen Gehirnwindungen tanzt und immer wieder vermag, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Es gleicht mehr einem Bild, das sich in Zeitlupe zu verändern scheint, und ich sehe dann Jann und Nina, wie sie bis zu den Knien im sanften Wasser stehen und sich gegenseitig naßspritzen, ein Lachen auf ihren Gesichtern, und die Sonne läßt die abertausenden Wassertropfen wie glitzernde Perlen erscheinen, die nur für die beiden ein eigenes Königreich erschaffen.

Damals genoß ich dieses Bild zwar, aber nicht in dieser, in meiner Phantasie tausendmal wiedergegebenen Intensität. Ich lag mit Eddie einfach träge am Strand, wir tranken eiskaltes Bier und schauten dem Treiben mit halbgeschlossenen Augen zu. Eddie erzählte, daß er früher immer die Sandburgen der anderen Kinder aus Neid zertrampelt hat, weil seine eigenen immer scheiße aussahen und daß seine Eltern sein kreatives Talent wohl nicht ausreichend gefördert hätten.

“Ich war im Kunstunterricht immer total schlecht” monierte er, “meine Collagen waren ein einziger Alptraum!”

Ich nickte. “Meine auch! Und ich sollte mal in irgendeinem Literaturkurs etwas über das Thema “Sterne” schreiben. Mir ist absolut nichts eingefallen! Nichts! Totale Leere! Über Sterne! Ich hab´ dann irgend etwas abgegeben, in der Art von: Sterne! Sterne leuchten der Unendlichkeit den Weg, ich möchte ein Stern sein und beim verglühen den Wunsch einer Frau erfüllen. Unglaublich lyrisch, oder? Aber viel zu kurz, es wurden mehrere Seiten erwartet, der Typ lachte kurz und schmiß mich aus dem Kurs!”

“Ich fand das jetzt auch scheiße!” kicherte Eddie.

“Du hast recht, war es auch. Eine absolute Katastrophe!”

Wir verfielen wieder in träges Schweigen und schauten Nina und Jann zu.

“Tolle Frauen, oder?” Eddie schaute verträumt auf das Meer. Ich sagte nichts, sondern erkannte die absolute Wahrheit, die sich hinter diesen Worten verbarg.

Abends saßen wir träge auf der Terrasse und tranken Wein. Die Luft war aufgeheizt und schwül, und in der Ferne bauten sich dunkle Wolkengebilde auf, die ab und zu durch einen Blitz aufgerissen wurden. Das Abendlicht wirkte deshalb etwas apokalyptisch, aber im nachhinein hätte das Wetter nicht passender sein können, um den ersten Reiter unserer Apokalypse ankündigen zu können. Mir steht immer noch glasklar der Moment vor Augen, der den ersten Schritt auf den Abgrund zu bedeutete, ein Satz, von Nina gesprochen, der wie ein Schwert in die Stille stieß.

“Ich war mal mit einem Typen zusammen, der konnte nur mit Meeresrauschen im Hintergrund, der hatte also immer ´ne Cassette dabei, die er vorher in den Recorder schmiß, und wenn dann das Meer anfing über Lautsprecher zu rauschen, konnte der gar nicht mehr aufhören! Wahnsinn! Wenn der Urlaub am Meer macht, hat der wahrscheinlich die ganze Zeit einen Ständer.” Nina begann zu kichern.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Eddie rot wurde.

“Warum läßt du dich dann nicht von dem Typ ficken?” zischte er.

“Der ist weggezogen.” Nina sah Eddie provozierend an. “Aber vielleicht bekomme ich ja seine neue Adresse raus.”

“Am besten du treibst es durch das ganze Telefonbuch, irgendwann wirst du ihn schon finden, scheint ja deine Spezialität!” Eddie konnte seine Wut kaum noch unterdrücken.

Jann und ich waren völlig überrascht, vor unseren Augen schien ein Film abzulaufen und wir hatten das falsche Programm gewählt.

“Äh, ich glaube es wird wohl gleich regnen…” warf ich leicht nervös in die Runde. Aber ich wurde völlig ignoriert. Nina und Eddie starrten sich an wie zwei Gladiatoren in einer Arena.

“Oh, Nina,” fing Eddie wütend an, “du kennst doch bestimmt auch einen, der nur bei Regen mit dir bumsen konnte, und du hast wahrscheinlich ein paar Wochen unter der Dusche gelebt!”

“Wahrscheinlich hast du mal eine gehabt, die nur konnte, wenn du dir eine Tüte über den Kopf ziehst!” keifte Nina.

Es gibt Situationen, die geraten langsam außer Kontrolle, man kann der Entwicklung folgen und vielleicht sogar Einfluß nehmen. Leider gehörte diese nicht dazu, denn wenn die Bombe schon explodiert ist, hat es keinen Sinn zu überlegen, wie man den Zünder entschärfen könnte. Jann und ich waren unfähig irgend etwas zu sagen, wir saßen wie paralysiert auf unseren Stühlen und wurden von dem plötzlichen Ausbruch aufgestauter Wut völlig überrannt.

“Du beschissene Schlampe, ich…” schrie Eddie.

“Ja, was denn?” lachte Nina höhnisch, “was willst du denn?”

In diesem Augenblick schien Eddie förmlich in sich zusammenzufallen. Er starrte Nina an, die spöttisch zurücklächelte, und anscheinend ihren traurigen Triumph genoß, das letzte Wort gehabt zu haben, Eddie auf den Boden geschmissen zu haben und ihre Macht demonstriert zu haben. Sie schien es in diesen Sekunden wirklich zu genießen, und ich schaute sie mit einer Mischung aus Faszination und Widerwillen an. Ich verstand nichts von dem, was ich gerade gehört hatte. Plötzlich stand Eddie auf und ging ins Haus, kurz darauf fiel die Haustür ins Schloß, daß einzige Geräusch, daß das bleierne Schweigen auf der Terrasse durchbrach.

Ich weiß, es wäre meine Sache gewesen, Eddie hinterherzulaufen und mit ihm zu reden, oder einfach nur neben ihm zu sitzen und aufs Wasser zu starren. Aber ich konnte nicht, ich konnte mich nicht rühren, ich war wie erstarrt und versuchte immer noch zu verstehen, was eigentlich passiert war und uns wie ein Orkan aus dem angenehm beginnenden Rausch gerissen hatte. Also erhob sich Jann, fixierte ihre Schwester mit einem eiskalten Blick, und ging Eddie nach. Noch immer hatte keiner etwas gesagt, es kam mir so vor, als würden wir in einem luftleeren, absolut stillen Universum schweben.

Nach einer Weile begann Nina sich auf ihrem Stuhl zu räkeln, was mich wieder auf den Boden dieser Welt zurückholte.

“Puh! Was für ein Aufstand! Und wofür? Kann ich was dafür, daß wir verschieden sind? Über was regt der sich eigentlich auf?” Sie starrte mich trotzig an.

Ich konnte es kaum glauben, sie schien sich völlig im Recht zu fühlen, mir blieb nichts anderes übrig als den Kopf zu schütteln und zündete mir eine Zigarette an.

“Weißt du, Nina..” sagte ich sehr sanft “…ich glaube du bist total bescheuert.”

Scheiße, ich will nicht sagen, daß es so kommen mußte, die Illusion eines harmonischen Urlaubs hatte ich nie richtig, aber den festen Vorsatz, es zu genießen so lange es dauerte. Aber selbst das schien sich in den letzten Minuten in Luft aufgelöst zu haben, aber ich war jetzt angenehm betrunken und fühlte mich leicht schwebend, was ging mich die Sache eigentlich an, ich hatte in diesem Augenblick nicht die leiseste Lust mich einzumischen, ich fühlte mich komischerweise sehr zufrieden. Außerdem hatte ich das unbestimmte Gefühl, es würde alles noch schlimmer kommen, sobald ich mich aus dem Stuhl erhob. Dadurch, daß Jann aufgestanden war, hatte sie in diesem kurzen Augenblick die Verantwortung übernommen und mir in genau diesem Moment ein Gefühl stiller Freiheit zukommen lassen, da sie sich um Eddie kümmern würde.

“Ach, was weißt du schon…” fing sie wieder an “ich will mein Leben genießen und hab´ absolut keinen Bock, dauernd mit angezogener Handbremse zu fahren, wenn du verstehst was ich meine! Ich will nicht die Verantwortung für jemand anderen übernehmen, scheiße, ich will sie eigentlich nicht mal für mich übernehmen.”

Sie lehnte sich zurück und legte ihre Füße auf den Tisch, so daß man ihr unter den kurzen Rock schauen konnte. Sie hatte kein Höschen an und zog den Rock noch etwas höher. Sie lächelte mich an und strich langsam mit der Hand über die Innenseite ihrer Schenkel. Ich schaute interessiert zu, mehr wie ein aufgeschlossenes Publikum, daß gespannt ist, was als nächstes kommt und in einem völlig abstrakten Theaterstück sitzt, in dem die verschiedenen Szenen nichts mit der Realität zu tun haben.

Sie fing an die Träger ihres Hemdchen über die Schultern fallen zu lassen und schob dann den gesamten Rest hinterher, so daß ihre Brüste vom einfallenden Mondlicht gestreichelt wurden, und als ob ihr das nicht reichen würde fing sie an, selber über ihre Brüste zu streichen. Wie hypnotisiert starrte ich auf ihre kreisenden Bewegungen, ich konnte meinen Blick nicht anwenden, ich begann das kleine Schauspiel zu genießen, Eddie war in diesem Augenblick ewig weit weg, eigentlich war in diesem Moment alles weit weg. Wie in Zeitlupe sah ich, daß sich Nina auf mich zu bewegte und dabei ihren Rock hochzog, sich auf meine Knie setzte, meine Hose öffnete, und sich dann mit leichten, schwingenden Bewegungen auf meinen Schoß setzte. Ich fühlte mich wie erstarrt, aber ich ließ es geschehen und ich genoß es sogar immer mehr, langsam begann sich Nina auf und ab zu bewegen und schnurrte dabei in mein Ohr, wie lange sie darauf gewartet hätte. Ich stand auf und Nina hielt mich mit ihren Beinen umschlossen, während ich sie ins Schlafzimmer trug, sie aufs Bett schmiß und hinterherhechtete, wie von Sinnen stürzte ich mich auf sie, sie preßte sich stöhnend an mich und in diesem Augenblick hörte mein Unterbewußtsein, wie jemand ins Zimmer kam. Als mein Unterbewußtsein den vernebelten Zugang zu meinem Bewußtsein erreichte, drehte ich meinen Kopf und sah Jann in der Tür stehen.

“Du Dreckschwein! Du Arschloch!“ Sie schrie mich nicht an, sondern sagte es ganz leise, endgültig und enttäuscht. Sie weinte auch nicht, drehte sich nur um und ging. Ihr Gang hatte etwas schweres und war doch völlig entschlossen. Sie schaute nicht mal zurück. Ich sprang aus dem Bett, brüllte „Warte, ich kann es dir erklä…“ , doch da war sie schon aus der Tür und schloß sie endgültig hinter sich.

16.

Als Aurora den Arzt verläßt, wirkt sie wie eine Betrunkene, man erkennt die Bemühungen, mit der sie ein Schwanken verhindern will, unbewußt, denn sie nimmt weder das leichte Schwanken wahr noch die Leute, die ihr mißbilligend hinterherschauen und ihre Köpfe schütteln, so was am hellichten Tag, so nehmen sie sich doch zusammen, das denken sie bestimmt, aber Aurora sieht die Menschen nicht, sie sieht nur wackelnde Köpfe, die ab und zu aus dem Nebel hervorschießen, mit verzerrten Gesichtszügen und einem teuflischen Grinsen, die sie auslachen und sie verhöhnen, die ihr das Wort “Mörderin” entgegenschleudern und jedesmal brennt sich das Wort wie Säure in ihr Gesicht, brandmarkt sie mit dem Zeichen des Teufels, so daß sie versucht, ihr Gesicht mit den Händen zu schützen und sie beginnt zu wimmern, sie fleht um Hilfe, aber sie erhält keine Antwort, sie hört nur dieses höhnische Lachen und wie das Wort “Mörderin” in ihrem Kopf hämmert. Doch plötzlich bleibt sie stehen, eine kleine, zu Tode geängstigte Frau, sie bleibt stehen inmitten des Füßgängerstromes, den sie wie ein Fels zerteilt. Denn plötzlich ist es in ihr ganz ruhig, die Fratzen sind verschwunden und die Stimmen verstummt, und sie beginnt sanft zu lächeln. Sie weiß jetzt, was sie zu tun hat, sie weiß jetzt, wie sie ihre Erlösung erreicht, sie hat den Weg gefunden und ganz leise hört sie eine neue Stimme, die zu ihr spricht, und diese Stimme sagt “Tue Buße!”. Sie wird die Fratzen vernichten, sie muß es tun, sie wird ihr Kind nicht dem Bösen überlassen, sie wird das Kind und damit sich selber retten. Alles wird wieder gut, alles wird wieder gut, mein Kind!

17.

Tausende von Gedanken schossen durch meinen Kopf, während ich auf der Terrasse stand, aber ich bekam keinen einzigen zu fassen, ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich jetzt tun sollte, ich wußte nur eine Sache mit Bestimmtheit, daß mein Leben in Trümmern lag und ich die Lunte selbst mit einem Lachen angezündet hatte. Ich hatte nicht mal den Mut an Jann zu denken, ich hatte zuviel Angst mir die Konsequenz auszumalen, die ihr Verschwinden nach sich zog. Hinter mir hörte ich Nina wimmern und Eddie, wie er stockend mit Nina redete, wobei ich kein einziges Wort verstehen konnte, da das Klappern meiner Zähne alle anderen Geräusche übertönte. Also wartete ich darauf daß Eddie etwas tun würde, daß er zu mir auf die Terrasse kommen würde, daß er nicht einfach so verschwinden würde, daß er zumindest seine Enttäuschung in mich einschlagen würde, Hauptsache er ginge nicht einfach so. Nachdem es eine kurze Zeit anscheinend ruhig in dem Zimmer hinter mir war, kam Eddie tatsächlich raus und stellte sich neben mich, ohne mich dabei eines einzigen Blickes zu würdigen.

“Eddie…”, begann ich lahm, “..ich….”

Mir fiel nichts ein. Und wieder stellte sich die Frage, was ich hätte sagen sollen. Nichts. Es gab nichts zu sagen.

“Hör zu”, begann er “ich will von dir kein einziges Wort hören. Du wirst mir einfach nur zuhören. Ich werde dir nichts erzählen von wegen wie konntest du nur oder so einen Scheiß. Ich werde dir nur zwei Sachen sagen.”

Er machte eine kleine Pause. Seine Stimme kam mir fremd vor, so kalt.

“Ersten werde ich jetzt Nina nehmen, dann Jann suchen und dann fahren wir nach Hause. Zu dritt. Zweitens werden wir uns nicht wiedersehen. Und das ist keine pathetische Drohung, sondern so gemeint, wie ich es sage. Wage es nicht in meine Nähe zu kommen. Hast du das verstanden?”

Ich schwieg. Ich brachte einfach kein Wort heraus.

Seine Stimme sank noch weiter unter den Gefrierpunkt.

“Hast du mich verstanden?”

Ein Nicken. Mehr war nicht möglich. Ein kleines Nicken beendete unsere Freundschaft. Mit einem kleinen Nicken verlor ich meinen besten und einzigen Freund, den ich jemals hatte. Nur ein kleines Nicken.

Eddie drehte sich wortlos um und ging. Etwas später hörte ich die Haustür ins Schloß fallen, und es breitete sich eine unheimliche Stille aus. Ich ließ mich auf den Boden fallen und lag zusammengekauert auf dem Steinboden. Endlich fing ich an zu weinen, ich konnte nicht mehr aufhören, ich lag einfach so da, weinte Sturzbäche und gab ein kümmerliches Bild ab. Irgendwann begann ich zu Schreien, ich brüllte die Nacht an, das Meer, einfach alles, aber je länger ich schrie, um so größer wurde der Schmerz und gefangen in diesem Schmerz verlor ich mich im Reich eines tiefen schwarzen Alptraums.

Als ich aufwachte schien mir die Sonne ins Gesicht und ich mußte blinzeln. Im ersten Moment war ich völlig verwirrt, alles wirkte so friedlich, als ob nicht passiert wäre. Als ob ich nicht die Menschen verloren hatte, die mir am meisten bedeuteten. Ich ging durch das Haus, völlig ziellos, und es fiel mir immer noch schwer zu glauben, daß ich das alles nicht geträumt hatte. Ich legte mich auf Jann´s Bett und roch ihren unvergleichlichen Duft, beinahe hätte ich wieder angefangen zu weinen, aber die Tränen wollten nicht mehr kommen, der Verlust war zu groß und zu unglaublich als daß ein paar Tränen irgend etwas hätten wegspülen können. Den Rest des Tages blieb ich auf dem Bett liegen, unfähig mich zu bewegen, schwelgte in Jann´s Geruch, versuchte ihn in mich aufzunehmen und hoffte, daß ich ihn niemals vergessen würde. Die ganze Zeit dachte ich, daß wenn ich das Bett verlassen würde, auch der Geruch weg wäre.

Am nächsten Tag brach ich auf. Ich fühlte mich hundeelend, aber in dem Haus hatte ich das Gefühl, als wäre ich Gefangener meiner ureigenen Hölle, jeder Schritt erinnerte mich an Jann´s Abwesenheit, jede Bewegung endete mit einem Gefühl der Einsamkeit. Jeder Mensch lebt für sich allein. In diesem Augenblick konnte ich diesen Satz fühlen, und vor diesem alleine sein hatte ich Angst, mehr als ich jemals für möglich gehalten hätte, mehr als ich jemals bereit war einzugestehen.

Bis ich vor meiner Haustür stand, dauerte es einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, die von einer Anzahl Mitfahrgelegenheiten ausgefüllt wurden, die meine Psyche endgültig kurz vor die Selbstzerstörung brachten. Wahrscheinlich war ich auch kein guter Mitfahrer, schon die Frage: “Wie geht´s?” beendete das Gespräch, ich konnte einfach nicht antworten, wie soll es einem im Nichts gehen? Kann es im Nichts überhaupt “gehen”? Wie geht´s einem, der sich inmitten des Nichts befindet?

Ich jedenfalls fühlte mich scheiße, und außerdem wurde ich das Gefühl nicht los, daß ich mich, wenn ich die Tür öffnete, auch nicht besser fühlen würde, daß alles noch schlimmer werden würde, auch wenn ich mir das nicht vorstellen konnte, aber manchmal hat man so ein untrügliches Gefühl, und so sehr man sich einredet, daß man sich irren könnte, um so sicherer weiß man, daß es stimmt.

So stand ich also vor dieser Tür, und wie hypnotisiert starrte ich auf das dunkle rauhe Holz, als könnte es mir sagen, was mich hinter der Tür erwartet, ich starrte auf das blitzende Schloß, als könnte ich hindurchgucken, ich starrte auf die Türklingel, als könnte sie mich aus diesem Alptraum wecken, aber nichts geschah.

Also schloß ich auf. Tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür, das Licht ergoß sich in den Flur, und wie in Trance ging ich ins Wohnzimmer, ihre gesamten Bücher waren weg, ihre Bilder hatten weiße Schatten auf den Wänden hinterlassen, die Pflanzen sind ja noch grün dachte ich, ich ging ins Schlafzimmer und sah die leeren Schränke, sie hatte die Schranktüren aufgelassen, ihr Bettzeug war fort, im Badezimmer fehlten ihre gesamten Sachen, ihre Bürste, ihre Handtücher, alles. Ich fiel vor dem Klo auf die Knie und mußte kotzen, nicht nur weil sie alles geholt hatte, sondern auch wegen mir.

18.

Ich wachte durch die Klingel auf, die sich wie ein Dorn in meinen Kopf bohrte, aber es hörte nicht auf, so daß ich an die Tür gehen mußte, und als ich die Tür öffnete, stand Jann vor mir.

“Jann…” stotterte ich. Mein Herz raste.

“Ich bin hier, um dir die Schlüssel zu bringen.” sagte sie. Einfach so.

“Willst du vielleicht reinkommen, ich…”

“Nein.” Sie hielt mir die Schlüssel hin. “Alle Sachen, die noch da sind kannst du behalten, ich will sie nicht.”

Ich starrte auf den Schlüssel.

“Jann, bitte. Bitte. Komm doch kurz rein, nur kurz. Bitte.” flehte ich fast.

Sie warf den Schlüssel in den Flur.

Ich konnte in ihrem Blick nichts erkennen, gar nichts. Noch nicht mal Schmerz. Rein gar nichts. Dann drehte sie sich um und ging. Ich war nicht in der Lage, mich von der Stelle zu rühren, ich schaute ihr hinterher, wie sie schnell die Treppen hinunterlief, ihre Haare fielen im Rhythmus ihrer Schritte auf ihre Schultern, und ich stellte mir vor, wie diese Haare riechen würden, könnte ich nur mein Gesicht in ihnen vergraben.

Irgendwann ging ich zurück in die Wohnung und hob ihren Schlüssel auf, ich erinnerte mich, daß sie ihn manchmal vergessen hatte, und daß ich dann auch den Schlüssel in der Hand hielt, aber immer wußte, daß sie ihn das nächste Mal wieder einstecken würde.

Die nächsten Tage verbrachte ich wie in einem unwirklichen Nebel, ich starrte auf das Telefon, daß nicht klingeln wollte, ich trank wie verrückt, aber es half nicht, außer daß ich anfing, mit mir selbst zu reden, um mir Mut zuzusprechen. Ich schlug mir die Nächte in irgendwelchen Clubs um die Ohren, aber ich wartete nur darauf, Jann oder Eddie zu sehen, hatte gleichzeitig aber Angst sie wirklich zu treffen, was sollte ich sagen, oder sie würden mich gar nicht beachten und mich so auf dem Scheiterhaufen ihrer Mißachtung verbrennen. Aber trotzdem wartete ich darauf, denn so könnte ich mir ein Stück Normalität verschaffen, so wie es mal war, nur weil sie im selben Raum wären wie ich. Und ich verlor mich in Träumen, wenn ich mit einem Glas in der Hand an der Theke lehnte, auf die Menschen um mich herum starrte, ich träumte davon, wie Jann auf mich zukommen würde, so wie ich sie immer gesehen habe, als würde sie von einem Scheinwerfer begleitet und angestrahlt, wie sich sich neben mich stellen würde und alles wäre wieder in Ordnung.

Nachts, wenn ich mich im Bett herumwälzte, dachte ich darüber nach mich umzubringen, wie ich mich mit Tabletten vollstopfen würde um so meinem jämmerlichen Zustand zu entfliehen, ich zerfloß geradezu vor Selbstmitleid, aber jedesmal, wenn ich an diesem Tiefpunkt angelangt war wurde mir klar, daß ich Jann dann nie mehr wiedersehen könnte, nie mehr, ich würde die Hoffnung umbringen, die tief in meinem Inneren saß, daß es noch nicht zu spät war.

So reihten sich die Tage aneinander, gleichmäßig wie schwarze Perlen an einer Schnur, und nur ganz langsam gelang es mir, mich aus diesem tiefen Loch zu befreien, ich fühlte mich zwar nicht besser, aber irgend etwas in mir brachte mich dazu, die Wohnung aufzuräumen und zumindest wieder regelmäßig zu duschen. Aber was mich vor allem Antrieb, waren die Briefe an Jann, die ich an Eddie schickte mit der Hoffnung, er würde sie weiterleiten. Ich schrieb in dieser Zeit unzählige Briefe.

Natürlich bekam ich keine Antwort, ich wußte noch nicht mal, ob Jann die Briefe überhaupt bekam. Aber ich schrieb weiter wie ein Besessener, die Worte brachen aus mir heraus und gaben mir zumindest das Gefühl, ich würde etwas tun, ich hatte einen Weg gefunden um sie zu kämpfen und das schwor ich mir bei jedem Satz, bei jedem Wort, das ich schrieb, hämmerte dieses Versprechen wie ein immer wiederkehrender Rhythmus in meinem Kopf: Ich werde nicht aufgeben, ich werde nicht aufgeben.

19.

Als Aurora nach Hause kommt, hört sie immer noch die Stimmen, nur lauter und lauter. “Ich muß Buße tun,” sagt sie sich immer wieder und stimmt so in den Chor in ihrem Kopf ein. Erst beginnt sie nur zu flüstern, immer wieder: ich muß Buße tun, ich muß Buße tun, und dann fängt sie an zu schreien, sie fällt auf die Knie und schreit, sie schreit so laut daß sie husten muß, aber sie schreit weiter: ich muß Buße tun! Sie steht auf und flüsternd geht sie ins Badezimmer, sie schaut in den Spiegel, aber sie kann sich nicht sehen, sie sieht nur ihr Kind, daß ihr blutend mit einem Ärmchen winkt und lächelt, bis es plötzlich anfängt zu weinen, und Aurora sieht das Blut, das aus dem Spiegel auf ihre Hände tropft. Sie dreht den Wasserhahn auf und wartet bis das Wasser kochend heiß ist, das ganze Bad ist in Dampf getaucht, und sie fängt an ihre Hände mit einer Bürste zu schrubben, sie schrubbt immer weiter bis das heiße Wasser ihre Hände rot färbt und sich ihr eigenes Blut mit dem Blut ihres toten Kindes vermischt. Als sie aufhört ihre Hände zu schrubben und das Wasser abdreht lächelt sie für einen kurzen Moment, der ganze Schmutz ist ab, die Sünde, die sie besudelt hat, ist reingewaschen. Und jetzt ist sie bereit. Sie spürt es. Die Stimmen machen ihr keine Angst mehr, sie wird Buße tun.

Vielleicht war das der Moment in dem alles entschieden war, in diesem kleinen Moment nahmen die Dinge ihren unabänderlichen Verlauf. Als hätte sich das Schicksal endgültig entschieden, als würde es sich jetzt zurücklehnen und die Ereignisse beobachten, mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen.

Aurora braucht gar nicht mehr nachzudenken, als sie zurück ins Wohnzimmer geht. Sie weiß genau was zu tun ist, sie kniet vor einer der Holzdielen nieder, hebt sie an, greift in den kleinen Zwischenraum und holt etwas im Licht matt schimmerndes hervor. Sie drückt es an ihre Brust, und als hätte sie ein Baby in der Hand wiegt sie sich hin und her, und als sie es von ihrer Brust wegnimmt, wie um das Baby zu betrachten, sieht man, daß sie eine Pistole in ihren Händen hält.

20.

Irgendwann war ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr wußte, was ich noch machen sollte, bis es an der Tür klingelte. Hat der Postbote eigentlich noch andere Hobbys, als mit auf die Nerven zu gehen, kam mir in den Sinn, und als ich die Frage mit nein beantwortete während ich die Tür öffnete, stand Jann vor mir.

“Kaffee?” fragte sie. Das war alles. Ich starrte sie an.

“Kaffee?” fragte ich zurück.

“Vielleicht ist es an der Zeit, daß wir einen Kaffee trinken sollten.”

Ich konnte nur nicken.

Auf dem Weg zu einem Cafe gingen wir schweigend nebeneinander her. Ich versuchte etwas zu sagen, aber es gelang mir nicht, was sagt man in so einer Situation, wie läufts denn so? Oder was macht die Kunst? Also sagte ich gar nichts. Aber ich genoß das Gefühl neben ihr zu gehen, ihre Gegenwart zu spüren, für einen kurzen Augenblick spielte nichts eine Rolle, die Welt hätte sich auflösen können und es wäre mir egal gewesen, vielleicht hätte ich es gar nicht bemerkt, ich versuchte sie die ganze Zeit anzuschauen und immer wieder guckte ich verlegen zur Seite, wenn ich dachte, sie würde es bemerken.

Als wir uns gegenübersaßen bereitete es mir fast körperliche Schmerzen sie nicht zu berühren.

“Nina und Eddie geht es gut”, sagte sie, “ich glaube, Eddie vermißt dich, aber er würde es niemals zugeben. Ich habe nur so ein Gefühl.”

Ich konnte nicht mehr tun als wieder nur zu nicken.

“Die beiden haben sich zusammengerauft, wie man so sagt.”

“Ich liebe dich, Jann.” flüsterte ich.

Sie reagierte nicht. Sie starrte aus dem Fenster.

“Ich habe dich auch vermißt. So sehr.” flüsterte sie. “Aber ich kann es nicht begreifen. Und nicht vergessen. Und ich weiß nicht, ob ich es jemals kann. Aber ich kann dich auch nicht aufgeben. Ich weiß nicht was ich tun soll.” Sie lächelte kurz. “Ich muß es also herausfinden.”

“Gib mir eine Chance, Jann.” sagte ich erstickt.

“Wie stellst du dir das vor? So zu tun als wäre alles wie früher? Du hast meine Schwester gebumst!” schoß es aus ihr heraus, mit mühsam unterdrückter Wut. “Eigentlich kann ich es immer noch nicht glauben!”

Ihre Wut schien wieder wie weggeblasen. Sie hatte einen traurigen Ausdruck auf dem Gesicht, sie schüttelte den Kopf und fing an zu weinen, ganz leise, und dann beugte sie sich vor und küßte mich, ganz schnell, und ich wußte nicht, ob das eine Ende oder ein Anfang war, ich wollte gerade sagen: Bitte, laß es ein Anfang sein, als eine Frau in die Mitte des Ladens trat. Sie hatte weiße Tücher um die Hände gewickelt, die voller Blut waren, und schrie “Ich erlöse euch von dem Bösen!” und im nächsten Moment sah ich ihre Hände aufblitzen und Jann´s Kopf schien wie in Zeitlupe zu explodieren und überall war Blut, überall war nur Blut. Alles voller Blut.

21.

Ich habe weder die Schüsse gehört noch die Schreie. Nichts. In meiner Erinnerung sehe ich nur Jann. Und es ist ganz still. Und dann explodiert sie plötzlich. Und auch in mir ist es still. Es ist, als könnte ich mich selber nicht hören. Später haben sie mir erzählt, sie hätten mich mit zwei Leuten von ihr wegziehen müssen, aber ich weiß davon nichts mehr. Diese Frau, die ich Aurora getauft habe, muß aus dem Haus gekommen sein und ist auf direktem Wege in das kleine Cafe an der Ecke gelaufen, vielleicht hat sie die Öfen gesehen, in denen die frischen Brötchen gemacht werden und hat gedacht, daß dies die Brutstätte des Teufels ist, ich weiß es nicht, sie hat sich anscheinend die letzte Kugel durch ihren eigenen Kopf gejagt. Aber ich habe sie Aurora getauft, so als wäre sie mein Geschöpf, denn dann hat nicht irgendeine Unbekannte Jann erschossen, und mit ihr mein Leben. Es ist als hätte ich dadurch eine Beziehung zu ihr, als könnte ich so besser begreifen was passiert ist.

Eddie ist damals in dieser Nacht sofort gekommen, er hätte sich bestimmt auch um Nina kümmern müssen, aber er ist gekommen und hat mich gehalten, wie man ein kleines Kind hält, die ganze Nacht. Er hat kein Wort gesagt, er war nur da und hat auf mich aufgepaßt. Eddie kam in den nächsten Tagen oft vorbei, und nach einiger Zeit brachte er auch Nina mit. Nina sah furchtbar aus, sie war so blaß und saß nur rum, sie sagte nicht ein Wort, aber Eddie meinte sie fühle sich hier näher bei Jann.

Ich fühlte überhaupt nichts. Nichts. Ich war innerlich tot. Und bin es immer noch. Ich fühle einfach nichts mehr. Nur wenn ich an diesen Tag denke, fange ich an zu zittern. Und dann nehme ich Valium, die ich mir heimlich besorge, damit Eddie es nicht mitbekommt. Und ich frage mich jeden Tag und jede Stunde, ob dieser Kuß ein Abschied war, oder ob es noch eine Chance gegeben hätte. Und dauernd geht mir durch den Kopf was ich Jann noch alles sagen wollte. Dann beginne ich zu schreiben, schreibe alles auf was ich ihr noch sagen wollte und dann schmeiße ich es unter Tränen wieder weg, weil sie es ja nicht lesen wird. Und nach einiger Zeit fange ich wieder von vorne an. Aber es hilft nicht. Und keiner kann mir die Qual abnehmen, ob das alles nicht meine Schuld war. Vielleicht sind wir für unser Schicksal nicht verantwortlich. Wenn aber doch, vielleicht habe ich sie dann umgebracht. Vielleicht wären wir dann nicht in diesem Cafe gewesen.

Ich würde alles tun, damit ich sie zurückhaben könnte, ich müßte sie nicht einmal sehen, es würde mir reichen, daß sie irgendwo ist. Und dann frage ich mich, wieso die Kugel nicht mich getroffen hat. Wieso ich noch lebe. Und wozu.

Vielleicht damit ich Jann so am Leben halten kann. Tief in mir.

Zum Schluß etwas für den Moment der nie wiederkehrt.

Empezar de nuevo
Sin destino y sin tener
Un camino cierto que, me enseñe a no perder la fe
Y escapar de este dolor sin pensar en lo que fue
¿cuanto aguanta un corazón sin el latido de creer?
En lo bello en la verdad de la esperanza
De esta sed de amar
En los sentimientos que se quedan
Sueños que perduran
Y busqué y subí y fui preso entre las alas del amor
Sin distancia y sin recuerdos
En las arenas de esta soledad
Presa de un silencio roto
Hijos del amanecer
Que nunca alcanzó esa luz, tan confundida en el placer
Y cierro los ojos, sólo para comprender
Cuánto aguanta un corazón sin el latido de creer

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