Meine 10 skurrilsten Jobs – Teil 2

Im 2. Teil dieser irre spannenden, nie zuvor erzählten, atemberaubenden Saga voller Leidenschaft, Erotik und wilder, ungezügelter, gleichzeitig aber auch knallharter, gnadenloser… ich habe mich schon wieder in meiner Aufzählungssucht verloren. Zusammenfassend: Teil 1 war gestern, Teil 2 ist jetzt. Lesen!

Es gibt selbstverständlich Tätigkeiten, die hier keinen Platz finden werden. Dazu zählt mein stringenter, seriöser und TÜV-geprüfter Lebenslauf ab 2007, aber auch vorherige Erfahrungen aus meiner PR-Vergangenheit. Alkohol- und Drogenexzesse, sexuelle Ausschweifungen, moralische Abgründe bänkischen Ausmaßes sind bei uns Kommunikationsjunkies schließlich nicht skurril, sondern Grundvoraussetzung unseres Kompetenzprofils oder etwa nicht?

Heute bin ich ein reicher, erfolgreicher, respektierter und irgendwie auch knuffiger Experte für Interne Kommunikation, Intranet und Social Dings mit einem offiziellen Lebenslauf für die Personalabteilungen dieser Welt. Aber unter dieser weichen Schale steckt ein harter Kern mit einem nicht-offiziellen Lebenslauf, dem nichts Menschliches fremd ist… Es geht weiter mit Teil 2! Und wer mehr will, hier ist auch Teil 3.

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Image: ‚The Wit & Wisdom of Winston – Oct 2010 – Westerham Pub+Wall+-+Those+Two+Imposters
Found on flickrcc.net

Die Reihenfolge, Auswahl oder Wahrhaftigkeit der folgenden Anekdoten ist unter Missachtung jeglicher journalistischer oder sonstiger ethischer Regeln entstanden.

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Skurriler Job Nr. 7 – Industriekaufmann

Was ist das?

Das weiß ich auch nicht mehr so genau. Aber die Kantine war gut und die meisten Kollegen gut drauf.

Wie kam ich dazu?

Direkt nach dem Abitur begann ich etwas Einzigartiges. Eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Einzigartig deshalb, weil es wohl einzig war in seiner kafkaesken Absurdität. Jede, absolut jede Tätigkeit – egal, ob ich im Guten oder im Schlechten ging – hatte mich auf die eine oder andere Weise weitergebracht. Keine habe ich jemals bereut. Es gab nur eine Ausnahme. Skurriler Job Nr. 7.

Was habe ich gelernt?

Als Industriekaufmann lernte ich die schwierigsten Überlebenstechniken im Büro-Dschungel des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Da wären z.B. die versteckten Codes informeller Kommunikation, die zur kurzfristigen Befriedigung grundlegender Bedürfnisse unerlässlich sind. „Mahlzeit“ öffnete den Weg in die Kantine, „Urlaubsantrag“ den Weg zu dieser echt süßen Kollegin in der Personalabteilung (es gab noch kein Intranet, d.h. wir haben unsere Sachen noch ganz analog nicht wieder gefunden) und „Meeting“ den Weg in die Kunst des Schlafens mit offenen Augen. Hey, wer frisch von der Schule kommt, kennt das schließlich noch nicht, also tut mal nicht so altklug!

Aber natürlich lernte ich auch alles über die Geheimnisse der Organisationspsychologie kennen (Vertrieb: „Die Produktmanager haben doch eh keine Ahnung“. Produktmanager: „Mit diesem Vertrieb können wir auch gleich einpacken“. Buchhaltung: „Warum hat uns keiner lieb?“. Personalabteilung: „Was machen wir eigentlich hier?“), die Finessen der beginnenden digitalen Revolution ( IT – damals noch EDV: „SAP ist Gott“. Vorstand: „Computer für alle? Die sollen arbeiten, nicht dieses Asteroids rumdaddeln“) sowie die knallharte Schule betriebswirtschaftlicher Strategien.

Skurrilitätsfaktor?

„Jetzt nehmen sie diesen gelben Marker, um nur EINMAL von rechts nach links die Begriffe in den Presseclippings zu markieren, die zum Produkt X gehören, während sie mit diesem orangenen Marker auch nur EINMAL von rechts nach links die Begriffe in den Presseclippings markieren, die zum Produkt Y gehören. Schauen Sie mal, soooo wird das gemacht. Nur EINMAL, das spart den Verbrauch an Markern.“

Ist genauso passiert. Inklusive Vorführung. Kein Tequila dieser Welt konnte diese Erinnerung ins Reich des ewigen Vergessens verdrängen. Oh nein.

Dann noch der sogenannte „Krawatten-Aufstand“.

Ich wurde vom Vorstandsvorsitzenden – gleichzeitig auch der Sohn des Firmengründers in diesem streng hierarchisch geführten Familienunternehmen – in einem persönlichen Gespräch in seinem Büro (Oha!) gefragt, ob ich mit dem Nicht-Tragen einer Krawatte etwa ein persönliches Statement gegen ihn manifestieren würde. Ich! Die personifizierte Friedfertigkeit! Ich höre Kuschelrock, trinke Kakao und esse fettarmen Joghurt! Der damit zusammenhängende Mangel an regelmäßiger Körperhygiene macht es mir schon unmöglich eine Revoluzzer-Existenz aufzubauen. Wisst ihr wie sehr so ein Bart im Sommer kratzt? Igitt.

Da saß ich nun. Ganz schön großes Büro. Der Kicker fehlte. War zu erwarten. Schließlich befanden wir uns im Zentrum der Macht eines international tätigen pharmazeutischen Unternehmens. Ich so: “Ähhhm, nee. Ich habe gar keine Krawatten, bin aber äußerst sittsam gekleidet (Anm.: Nix mit löchrigen Jeans, Schlappen oder Motto-T-Shirts, keine Ohrringe, Haare gestutzt, Typ “Menschgewordene Langeweile”)”. Das Thema war damit erledigt, dass er mich schnell wieder vergaß, ich heute noch 24 Jahre alte Krawatten trage und mich meine Kollegen damals für meinen “direkten Draht” zu den höchsten Sphären der Macht beneideten.

Diese Erfahrung hat mich geprägt. Seitdem mache ich nur noch crazy shit. Cola mit Koffein trinken, Kochschinken mit Fettrand essen und in die als Ausgang gekennzeichneten Türen der Busse einsteigen.

Skurriler Job Nr. 6 – Entwicklungshelfer „Chef de Base“

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Zeit für einen Tee muss es immer geben.

Was ist das?

Als „Chef de Base“ für die Entwicklungshilfsorganisation Acción contra el Hambre (ACH) war ich – wie nicht nur den frankophonen Lesern klar sein dürfte – der Chef. Das ist per se schon skurril. Als Leiter eines Projektes im Niger, genauer gesagt in Keita, einem Dorf in der Nähe von Tahoua… also südlich von Düsseldorf-Pempelfort, hatte ich den Auftrag ein Projektteam von ungefähr 150 lokalen Mitarbeitern und 7 Expats zu führen. Primäres Ziel war es, den Übergang vom Krisenmanagement – einige Monate zuvor gab es eine regelmäßig wiederkehrende dramatische Hungerkatastrophe – in ein nachhaltiges Projektmanagement zu beginnen.

Wie kam ich dazu?

Ich hatte zuvor in der Internen Kommunikation von ACH in Madrid gearbeitet. Nun, eigentlich war ich die IK. Tja, und wie das so ist, ich verließ ACH und Madrid, aber einige Jahre später bekam ich die Möglichkeit „Felderfahrung“ in Afrika zu sammeln. Wie so oft hatte ich nichts außer einem Rucksack und Lust, sodass mir die Entscheidung leicht fiel.

Was habe ich gelernt?

Zum Beispiel, dass nigrisches Französisch einfacher zu verstehen ist, als Kneipen-Kunden in Paris (dazu mehr später). Außerdem: Jedes Projekt ist machbar, wenn man ein zuverlässiges, vertrauenswürdiges, professionelles und absolut loyales Kern-Team von fünf bis maximal sieben Leuten um sich hat.

Und dass es Spaß macht, ein extrem Hierarchie-abhängiges Team dazu zu bringen, Führung in Frage zu stellen, selbst – oder gerade dann – wenn man selber die lokale Führung darstellt. Es dauerte einige Monate, aber es klappte, sodass ich das Gefühl hatte, die Expat-Abhängigkeit etwas reduziert und mit lokalen, extrem gut ausgebildeten Mitarbeitern gearbeitet zu haben.

Skurrilitätsfaktor?

Verhandlungen und Gespräche mit lokalen Autoritäten; Mord-Drohungen von Expat-Kollegen, die von mir ihrer Aufgaben entbunden wurden; Deeskalation von Konflikten innerhalb des Teams; Entscheidungen, die mein Verständnis von Transparenz, Ehrlichkeit und Loyalität in Frage stellten; Betreuung von seelisch angeschlagenen Kollegen… eigentlich eine Menge. Auch wenn es längst nicht so dramatisch war, wie es in dieser verkürzten Form klingt. Eine längere Fassung gibt es hier.

Und – obwohl das nicht die Regel, sondern eher eine Ausnahme war – das Bild eines AIDS-kranken und von Hunger gezeichnetem Kind in unserem Lager für besonders schwere Fälle von kindlicher Unterernährung. Diese Erinnerungen haben alle gemein, dass ich sie nicht vergessen möchte und das ich froh bin, einen Blick in einen Bruchteil des Lebens geworfen zu haben. Egal wie der Blick ausfiel.

Skurriler Job Nr. 5 – Pseudo-Koch und Familien-Caterer

Was ist das?

Der Versuch trotz eigener massiver Unzulänglichkeiten den finanziellen Input nicht völlig zum Erliegen kommen zu lassen. Aber das gilt für fast alle meiner hier erwähnten Tätigkeiten. Manchmal musste ich auch in die Nähe von Küchen, also einem potentiellem Gefahrengebiet für Personen, die ernsthaft auf meine kulinarischen Fähigkeiten angewiesen sind.

Wie kam ich dazu?

Ich fasse mich mal so kurz wie möglich. Die drei Tage in einem Hamburger Restaurant („Du hast das doch schnell gelernt, beib‘ doch!“ – „Danke, aber nein, danke!“) zählen natürlich nicht. Vor allem, weil ich den Job für einen Job bei der Tagesschau beenden konnte.

Später jedoch landete ich im Anschluss an einer längeren Rucksack-Reise durch Südamerika in Israel und hatte irgendwann das Glück als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv arbeiten zu können. Nun, ich musste natürlich noch etwas mehr Geld verdienen, sodass ich sowohl in der Küche eines italienischen Restaurants gearbeitet habe, (Ich konnte nicht kochen, kann es immer noch nicht…) als auch als Junge-für-alles bei einem, sagen wir mal, Familien-Caterer.

Was habe ich gelernt?

Ich wünschte, ich hätte gelernt zu kochen. Das kann ich aber mit Sicherheit verneinen. Im Restaurant durfte ich in einer offenen Küche Salate zubereiten, Nachspeisen auf den Teller hauen und Fleisch grillen. Besonders das Abschmecken hat mir ganz besonders viel Freude gemacht…

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass es wenig Anstrengenderes gibt, als in Küchen zu arbeiten. Meine serbischen, israelischen und italienischen Kollegen waren wohl das, was man allgemeinhin als Lebenskünstler definieren würde. Und wie immer gilt: Höre denen zu, die etwas zu erzählen haben und Du musst Dir keine Sorgen darüber machen, etwas in diesem Leben zu lernen.

Bei einer israelischen Matriarchin, die es schaffte ein komplettes Catering-Studio in ihrer 68qm-Wohnung zu installieren, die sie mit ihren drei Töchtern bewohnte, hatte ich Kollegen aus den Philippinen, Irland, England und natürlich aus Israel. Wir lieferten herrliche Gerichte auf Feiern aller Art zu Familien mit osteuropäischen, südeuropäischen und arabischen Wurzeln. Auf diese Weise lernt man eine Menge über die Besonderheiten eines Landes kennen, auch wenn meine Arbeit in den Archiven von Sde Boker und meine Verwurzelung im Land – ich hatte eine israelische Freundin – natürlich auch sehr hilfreich dafür waren.

Skurrilitätsfaktor?

Eines Tages wurde mein philippinischer Kollege von der Einwanderungsbehörde erwischt und ausgewiesen. Er arbeitete – anders als ich – fast jeden Tag im Catering und das bei Schichten von bis zu 20 Stunden, die es erforderlich machten, sich mit allen verfügbaren Mitteln fit zu halten. Obwohl er in sehr einfachen Verhältnissen lebte – er hatte mich auch mal zu seiner Familie eingeladen – war er immer positiv und ließ sich nicht unterkriegen. Plötzlich war er weg, weil er das Pech hatte, bei einer Kontrolle festgenommen zu werden. Ich hatte Glück und war an dem Tag nicht dort. Wir alle wussten, dass er spätestens sechs Monate später wieder im Land sein würde, wo seine Familie auf ihn warten würde. Aber dann müsste er all sein verlorenes Geld wieder von vorne verdienen. Wie kann es illegal sein, seine Familie zu ernähren? Aber das ist ein anderes Thema und es ist mir immer wieder begegnet – in Afrika, Südamerika und natürlich in Europa, der Insel der Glückseligen.

Skurriler Job Nr. 4 – Call Center Agent

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Image: ‚call center‚ Found on flickrcc.net

Was ist das?

Der Abszess unseres kapitalistischen Ausbeutersystems, ein Brandmahl in unserer absurden Existenzhülle, ein Schlag in das Gesicht der Freiheit. Das prangere ich an! Hach, jetzt geht es mir wieder besser. Ist natürlich alles Kokolores. Klar ist es ein Symbol für den mittlerweile gesellschaftlich akzeptierten Lohnsklaven-Mainstream, aber ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Und es hatte Potential für einige gute Geschichten.

Wie kam ich dazu?

In Deutschland hatte ich die irre Gelegenheit, mich der Herausforderung von Umfragen im Call Center eines Instituts zu stellen. Um hier mal im nichtssagenden Bewerbungsjargon zu bleiben. Minutengenaue Abrechnungen meiner Anrufe, also meiner Arbeit, gehörten ebenso dazu wie das Entdecken neuer Sprachwelten aus der Welt der Statistik. Warum ich das hier gemacht habe? Ja nun, the sky is the limit, aber bis dahin musste ich schließlich noch eine Menge krummer Leitern climben.

In Frankreich arbeitete ich in einem Call Center mit internationalen Kollegen, die sich genau wie ich dabei versuchen sollten, Unternehmensdaten abzufragen und in eigens dafür entwickelten Datenbanken abzulegen. Braucht man das im Zeitalter des Internets eigentlich noch? Aber einmal war ich auch in einem Pariser Call Center beschäftigt, dass sich darauf spezialisierte deutschen Zahnarztpraxen Edelmetallabfälle aufzukaufen.

Was habe ich gelernt?

Die Ruhe zu bewahren, Umfragen zu konzipieren und die Steuer-Ehrlichkeit einiger Zahnärzte zumindest anzuzweifeln. Als dann noch ein Vorgesetzter im Institut für Umfragen mir bescheinigte, meine Arbeit sehr gut zu machen und mir zum Abschluss noch einen Klaps auf die Schulter und diesen Satz sagte: “Ich glaube an Dich. Du kannst das!”, dachte ich mir nur, wie viel Schaden diese sinnentleerten Motivations-Tipps bedauernswerter Marketing-Gurus in aller Welt verursachen. Ach, und natürlich “Es wird Zeit hier rauszukommen.”

Skurrilitätsfaktor?

In einer Zahnarztpraxis anzurufen, um anzubieten den Edelmetallabfall – das sind die Reste, die im Laufe des Tages auf den Boden fallen, sich mit Staub vermischen und in einen gesonderten Abfalleimer kommen – aufzukaufen, ist per se ungewöhnlich. Und dabei zu merken, dass hier dem jeweiligen Zahnarzt anscheinend die Möglichkeit gegeben wird, eventuell auch mal steuerfreie Einnahmen zu verbuchen. Aber das ist natürlich nur ein Gerücht. Die Reaktionen der angerufenen Assistentinnen waren dementsprechend vielfältig. Die Brandbreite der Antworten erstreckte sich von “Rufen Sie hier nie wieder an!”, bis zu “Aber sicher doch, warten Sie einen Augenblick, der Herr Doktor möchte gerne persönlich mit Ihnen sprechen…”.

Im Umfrageinstitut gab es ähnliche Reaktionen, aber natürlich auf ganz andere Fragen. Dennoch: Wer jemandem mal so richtig den Tag versauen und den Killer ihn ihm rauskitzeln möchte, der sollte Folgendes tun: Rufen Sie den Telefonkontakt an einem Sonntag gegen 9 Uhr an und kündigen ihm eine 10-minütige Umfrage zu seiner Zufriedenheit mit der Bahn an. Er sollte natürlich erst kürzlich eine richtig beschissene Erfahrung mit der Bahn gemacht haben und somit seine und unser aller Vorteile bestätigt sehen. Das wird mal so ein richtiges Gute-Laune Gespräch, hihi. Versprochen!

Ach, und wer noch einen drauflegen möchte, der sollte noch Folgendes machen. Nachdem das arme Umfrageopfer alle ihm bekannten Schimpfwörter über sie ergossen hat, fragen sie ihn, ob seine Aussage auf einer Skala von 1 bis 10 eher eine 10 oder 1 sei, wobei 10 “total töfte” und 1 “mal so richtig scheiße” bedeuten würde.

Es gibt keine schlechten Jobs. Nur eine falsche Einstellung. #janeeisklar

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