El Che und der Enterprise 2.0 Punk

Dieser Moment, wenn der Geschmack des Kaugummis sich von herzerfrischend Luftröhrenverätzend zu niederschmetternd Abflussrohrpenetrant transformiert: Herbstanfang im Rheinland.

Wie dem auch sei. ER ist zurück. So isses. Das – ich zitiere mich ungern selber, aber die kierkegaardsche Leere meines digitalen Blattes zwingt mich zu drastischen Maßnahmen – meistverkaufte T-Shirt Gesicht des 20. Jahrhunderts tritt mit dem für ihn typischen Hauch revolutionärer Verwegenheit und leicht muffiger Inkontinenz in die Zentrale postökonomischer Selbstausbeutung.

El Che!

Ich schaffe es gerade noch mein Bio-Menthol-Zigarillo in den mit Sojamilch ersoffenen koffeinfreien Vanilla-Espresso light versenken zu lassen, während ich gleichzeitig den Porsche Cayenne Schlüssel mit dem rechten Zeigefinger einen zärtlich anmutenden Stoß in Richtung meiner Fairtrade-Ledertasche versetze und dabei mit einer nur den erfahrensten Senior Communications and Transformation Specialist Enterprise 2.0 Consultants vorbehaltenen Leichtigkeit zu einer kreativen Kontaktaufnahme greife, die in der Geschichte der Rhetorik ein Davor und Danach markieren wird: “Na, Du auch hier?”

El Che und der Enterprise 2.0 Punk

Innerhalb der folgenden Sekunden erheischt sein Guerillerogestählter Blick meinen nach Rettung qualmenden Zigarillo, die Quittung für meinen koffeinfreien Vanilla-Espresso light mit Laktosemilch und die auf meinem Schoß liegende Ledertasche mit weithin sichtbaren Fairtrade-Label an dem sich der Porsche Cayenne Schlüssel verfangen hat.

Die darauf eintretende Stille weiß er mit einem nahezu freudig-erregten Ausbruch menschlicher Wärme zu durchbrechen: “Ich hätte Dich damals erschießen lassen sollen.”

Aha. Gut, ich hatte unsere mittlerweile in die Jahre gekommene Wertedefiniton in letzter Zeit etwas modifiziert. Aber es ist doch so: Zynismus ist halt mehr als die Verzweiflung des Verstandes. Es ist die Flucht vor dem Wissen, das uns einen Schmerz bringt, den nur das Verstehen uns wieder nehmen kann. (Sepp Herberger, aus “Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten” – Eine Sammlung von Zitaten und Aphorismen für den Teilzeit Social Media Guru).

Soviel also zu unseren gemeinsamen Zeiten als Vorboten des ideologieübergreifenden Ikonen-Merchandising.

“Ino. Camp Ino.” So stellte sich sein Begleiter vor, den ich bisher gar nicht bemerkt hatte – was daran liegen mag, dass ich ihn erst jetzt in die Geschichte einbringe, um nun eeeendlich zum Punkt zu kommen. Dafür, dass Camp Ino mit seinem ganzen Gewicht auf El Che lag, um ihn daran zu hindern diesen auffällig metallisch blitzenden, spitzen Gegenstand aus seiner Jackentasche in Richtung eines meiner lebenswichtigen Organe zu orientieren, klang er recht entspannt.

“Hör’ genau zu, verlorene Seele”, hauchte seine geschmeidige Altbier-Stimme. “Ich habe digitales Comms Change Zeugs schon gemacht, da hat die Fortuna auf Augenhöhe mit dem FC Barcelona gespielt”, wisperte er mir mit blutunterlaufenen Augen über den Mokkaverklebten Tisch entgegen.

“Und was ich in dieser Zeit gesehen, ertragen und erduldet habe, will ich Dir jetzt vorsingen:”

Zehn kleine Jägermeister rauchten einen Joint, den einen hat es umgehaun, da waren’s nur noch neun.

Anm. d. Red.: Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “2.0 Overkill”. Wer tagein, tagaus seinen Wortschatz auf die Begriffe Transparenz, Kollaboration, Digital Workplace, Workplace of the Future, Innovation, Netzwerke, Community, Community Manager, 2.0 dies, 2.0 das, Social dies, Social das, Leadership schischi, Lernen heiteitei und Konsorten begrenzt, dem winkt garantiert ein Wohlfühl-Delirium, das einem 24 Stunden Hardcore Besuch in den verkommensten Amsterdamer Coffee Shops in absolut nichts nachsteht. Peace Alda!

Neun kleine Jägermeister wollten gerne erben, damit es was zu erben gab, musste einer sterben.

Anm. d. Red.:  Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier von “Death by PowerPoint”. Wie viele Enterprise 2.0 Projekte sind bereits im schwarzen Loch endloser Slideshows erstarrt und irren nun als Wort-Zombies in den Fluren größerer oder kleinerer Unternehmen umher?

Acht kleine Jägermeister fuhren gerne schnell, sieben fuhrn nach Düsseldorf, einer fuhr nach Köln.

Anm. d. Red.: Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “falschen Anklopfen”. Wenn es darum geht finanzielle Unterstützung für ein Enterprise 2.0 Projekt zu bekommen, niemals, niemals, niemals und unter keinen Umständen vom Weg abkommen indem man das Wort “Social” in den Mund nimmt.

Sieben kleine Jägermeister warn beim Rendezvous, bei einem kam ganz unverhofft der Ehemann hinzu.

Anm. d. Red.: Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “Upps-Effekt”. Beim Anwerben von finanzkräftigen Pilot-Projekten in bester Guerilla-Manier die Kollegen von der Internen Kommunikation so lange wie möglich im Glauben lassen, dass “ihr” Intranet mit Inhalten, die keinen Menschen interessieren, geschweige denn gelesen werden, tooooootal wichtig und auf ewige Zeiten unangerührt bleiben wird. Sollte der Vorhang zu früh fallen, nun: Upps.

Sechs kleine Jägermeister wollten Steuern sparen, einer wurde eingelocht, fünf durften nachbezahlen.

Anm. d. Red.:  Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “Den Hoeneß machen”. Also wegen des Nachbezahlens. Des eventuellens. Und warum nicht einglocht? Ist doch ganz einfach: Vernetzung. Und was sagt uns das? Pilot-Projekte und Enterprise 2.0 Sponsoren werden nach dem Prinzip ausgewählt werden: “Die sitzen auf der Sonnenseite des Corporate Life und wenn es stürmisch wird sollten wir in deren Nähe sein.”

Fünf kleine Jägermeister wurden kontrolliert, ein Polizist nahm’s zu genau, da warn sie noch zu viert.

Anm. d. Red.:  Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “Mut zur Lücke”. Was lassen wir uns nicht alles an Zahlen, Zitaten oder Fallbeispielen einfallen, um unser Projekt voranzubringen. Immer in der Hoffnung, dass es aufgrund fehlender Zeit (“Muss zum nächsten Meeting und meine 134 Mails müssen auch noch bis 11 Uhr raus!”) oder fehlendem Interesses (“Sehr, sehr interessant. Lassen Sie uns doch mal ein Anschlussmeeting dazu organisieren. Nach der Sommerpause. 2023.”) nicht zu einer ernsthaften Überprüfung der Fakten kommt. Weiter so!

Vier kleine Jägermeister bei der Bundeswehr, sie tranken um die Wette, den Besten gibt’s nicht mehr.

Anm. d. Red.:  Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “Community Manager Roulette”. Keiner weiß genau, was so ein Community Manager für interne Communities eigentlich ist. Selbst vom Yeti und dem Einhorn gibt es mehr Details, als zu dieser Weltretter-Spezies. Nur eines ist sicher: Wer sich auch immer als solcher outet, lebt fortan in ständiger Existenzangst dank tonnenschwerer Erwartungen, die auf seine/ihre Schultern bei gleichzeitig zu Tränen rührender Bezahlung abgeladen werden.

Drei kleine Jägermeister gingen ins Lokal, dort gab’s zwei Steaks mit Bohnen und eins mit Rinderwahn.

Anm. d. Red.:  Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier von “alternativer Frust-Kompensation”. Man hört es ja so munkeln, dass nicht alle Enterprise 2.0 Projekte von überwältigendem Erfolg geprägt sind. Der Eine oder die Andere greifen in solchen Phasen temporärer Realisierungskakophonien schnell mal zu übermäßigen Konsum leicht verfügbaren Kantinen-Outputs (Genmutierte Lebensmittelimitate, Koffein, überflüssige Gespräche).

Zwei kleine Jägermeister baten um Asyl, einer wurde angenommen, der andere war zu viel.

Anm. d. Red.: Sinngemäß spricht der erfahrene Enterprise 2.0 Manager hier vom “H.P. Friedrich-Fluch”. Die Mittel wurden gestrichen oder gar nicht erst freigegeben, die Technik fliegt einem um die Ohren, die Nutzer hassen uns, die Kollegen lachen uns aus, der Praktikant spuckt uns in den Kantinen-Kaffee (was geschmacklich keine große Verschlechterung darstellt, aber doch unschön ist) und unser Team besteht nur noch aus zwei Überlebenden. Wer jetzt alleine zurückbleibt, dem droht die sofortige Abschiebung.

Das Ende. Tja, in der Zwischenzeit hatte Camp Ino’s Einlage – man sollte nicht vergessen, dass der doch leicht interpretationswürdige Gesang von einer 163 Dezibel ausdrucksstarken Kombo namens Tote Tante oder Rote Hosen oder so ähnlich amusikalisch untermalt wurde – dazu geführt, dass die Baristas erst in den audialen Wahnsinn getrieben wurden und folgerichtig mit Koffeingetränkten Latte-Molotow-Cocktails erst sich selbst und dann den ganzen Schuppen in Brand setzten.

Wir beschlossen im Anschluss daran das Büdchen gegenüber zu besetzen, den Blutalkoholwert auf alte Kampfwerte anzugleichen und die dort in verstaubten Tüten dahin vegetierenden Gummibären aus den Fängen kapitalistischer Arbeitsausbeutung zu befreien.

Denn am Ende gilt immer:

Einer für alle, alle für einen,

wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?

Einmal trifft’s jeden, ärger dich nicht,

so geht’s im Leben, du oder ich.

Einmal muss jeder gehen

und wenn dein Herz zerbricht,

davon wird die Welt nicht untergehn –

Mensch ärger dich nicht!

Ja, davon wird die Welt nicht untergehn –

Mensch ärger dich nicht!

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