Social Media libre – Revolution in 5 Schritten

Erlangen-Süd, Winter 2011. Die Tür schützt uns vor der eisigen Kälte wie die zentimeterdicken Terrariumscheiben den ängstlichen Zoo-Besucher vor einer tödlichen schwarzen Mamba. Zigarrenrauchwolken dringen bis in die verlorensten Ecken vertrockneter Seelen vor und wiegen die Erinnerungen ihrer Besitzer in erstickenden Umarmungen. Namenlose stieren vor sich in ihre übriggebliebenen Lebenssäfte, während sie unaufhörlich in vergilbten Bildersammlungen ihrer Vergangenheit zu wühlen scheinen.

Nur einer blickt mir direkt in die Augen. Er ist es. In seinem Blick liegt die nie enden wollende Revolution des Menschseins. Die Zigarre hielt seine Hand wie damals während unserer kurzen Kampfpausen in der Sierra Maestra. Am 8. Oktober 1967 sahen wir uns zum letzten Mal. Er starb den Tod unserer Helden. Ich lebte unsere verlorenen Hoffnungen. Und jetzt treffe ich ihn in einer drittklassigen Cuba-Bar. Der Rum verströmt den Geruch des endgültigen Untergangs.

Che Guevara

„Felmundo!“, flüstert seine Stimme wie ein zaghafter Frühlingswindzug nach einem frostigen Winter. Mein Kampfname verliert sich in seinem schneeweißen Bart. Ich versuche mich zitternd wie Espenlaub neben ihn zu setzen, ohne seine strahlende Gegenwart auch nur einen Augenblick aus den geblendeten Augen, aus dem betrogenen Gedächtnis zu verlieren. 44 Jahre war es nun her. Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen.

„Che, altes Haus. Was geht?“ begrüße ich das meistverkaufte T-Shirt Gesicht des 20. Jahrhunderts. „Jo, et mutt, compadre, et mutt“ hauchte er zwischen zwei wohlgeformten Zigarrenwolkenkreisen in die Leere unser aller Existenz. Damit war eigentlich alles gesagt. Jetzt war der Augenblick gekommen aufzustehen, mit terabyteschweren Schritten in meine urbane Miethöhle zu schlurfen und dort das Leben auszuschalten. Das Finale der 13. DSDS-Staffel konnte ich einfach nicht verpassen. Aber eine Frage musste ich ihm nach dieser endlosen Zeit in der Hölle der toten Revolutionen noch stellen.

„Bist Du auf Twitter oder auf Facebook?“ Sein Blick wurde plötzlich hart wie Marathongetränkte Baumwollsocken nach dreiwöchigem Aufenthalt im Trockenkeller. Sollten unsere Leben so unterschiedliche Wege gegangen sein? Einst lagen wir zusammen in blutüberlaufenen Schützengräben während über uns die Kugeln der feindlichen Maschinengewehre wie wildgewordene Killerbienen die Luft zerschossen. Wir waren Brüder im Kampf und jetzt…?

„Twitter!“ zischt es einem Erschießungsbefehl gleich mir entgegen während die Kellnerin den siebten Strich auf meinem Cuba Libre Deckel macht und sich fragt, wieso eigentlich immer sie die durchgeknallten Typen bedienen muss.

„Una cerveza, por favor“ erwidere ich erleichtert. Ich bin mir zwar relativ sicher, dass „Ich auch“ auf spanisch irgendwie anders heißt, aber jahrelange Ballermann-Indoktrination hat meine Spanischkenntnisse seit unserer letzten Begegnung einrosten lassen wie eine AK 47 nach unbarmherzigen Regenangriffen im bolivianischen Hochlanddschungel. Männer mit Testosteronpflanzen auf der Brust verstehen sich immer, solange genug Prozente in die Blutbahn befördert werden. Wir wussten nun, dass wir beide auf Twitter kämpfen und Facebook erdulden.

Die 16 peruanischen Straßenmusiker, die mit uns am Tisch sitzen, werden langsam unruhig. Alt-Revolutionäre bekommen keine Rente. El Che lebt seit seinem vorgetäuschten Tod von seinen ungeahnten musikalischen Talenten, die weit über die Erlanger Stadtpassage hinaus bekannt sind. Es wurde Zeit für ihre nächste Vorstellung in Downtown Fürth.

„Che, sag mir nur noch eins. Wie sieht die Social Media Revolution in fünf Schritten aus?“ fragte ich noch, bevor ich ihn wieder in einem tosenden Tsunami des Vergessens verlieren sollte.

„Schreibst Du etwa wieder einer deiner dilettantischen, reaktionären und vor allem unglaublich langweiligen Blogposts, die nur von traurigen Gestalten des digitalen Sumpfes unter Aufbringung größter Schmerzresistenz ertragen werden können?“ antwortet er marxistisch-dialektisch korrekt und mit bohlenscher Fiesigkeit.

„Nun mach schon. Mir fällt einfach nichts mehr ein und die typischen „5 Schritte zum…“,
„3 Grundregeln für…“ oder „7 Tools um…“ Artikel ziehen nun mal immer“, antworte ich mit wachsender Verzweiflung. Ich würde diesen blogpost niemals zu einem publizierbaren Ende bringen. Aber da sollte ich mich gewaltig irren.

El Che erhob sich und seine Stimme an die Völker dieser Welt. Zumindest an den Teil der Menschheit, der sich mit uns in dieser Kaschemme aufhielt. Nie werde ich vergessen, was er hier zum ersten Mal mit uns teilte… vielleicht nicht ganz zum ersten Mal, aber zumindest kopiert er seine eigenen Zitate nicht wie andere, Herr Ex-Dr. zu Guttenberg!

Die fünf Schritte der Social Media Revolution (by Che)

(Für unsere Leser, die nicht der Sprache des Welt- und Europameisters mächtig sind, habe ich meine multilinguale Großzügigkeit springen lassen. Nix zu danken.)

1.       Prefiero morir de pie que vivir siempre arrodillado.
(Anm. d. A.: Mach den Assange oder verkriech‘ Dich in einer Redaktion.)

2.       Si avanzo sígueme, si me paro empújame, si retrocedo mátame.
(Anm. d. A.: Hör auf Social Media zu spielen. Beginne Social Media zu leben.)

3.       Sólo existe un sentimiento mayor que el amor a la libertad: el odio al que te la quita. (Anm. d. A.: If your government shuts down the Internet, shut down your government.)

4.       Sean capaces de sentir en lo más profundo cualquier injusticia, cometida contra cualquiera, en cualquier parte del mundo, pués es la cualidad más linda de un revolucionario. (Anm. d. A.: Wer nicht retweetet ist doof.)

5.       Hasta la victoria siempre. Patria o muerte.
(Anm. d. A.: Die corporate firewall wird fallen. Oder wir fallen.)

Damit trennten sich unsere Wege ein weiteres Mal. Diesmal für immer. Er hat ein iPhone. Ich ein Android HTC Desire.

Ein Gedanke zu “Social Media libre – Revolution in 5 Schritten

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