Zidi – Der Problemlöser aus der Wüste

Acht Monate habe ich im Jahr 2006 im Niger verbracht. Ich war dort als „Chef de Base“ verantwortlich für ein Team von über 120 Mitarbeitern der Entwicklungshilfsorganisation Accion contra el Hambre (ACH). Die ersten Tage und Wochen verbrachte ich damit, mir mithilfe der ortsansässigen Mitarbeiter ein detailliertes Bild der aktuellen Situation vor Ort zu machen. Dies ist das Porträt eines meiner Mitarbeiter, der mir während dieser Zeit zur Seite stand.


Als Zidi in das Zelt tritt, schauen ihn die Krankenschwestern erwartungsvoll an. Dutzende von Müttern stehen bei über 40 Grad Celsius in dem kaum vorhandenen Schatten der fast verdorrten Bäume. Geduldig warten sie mit ihren unterernährten Kindern vor einem Gerät, das auf den ersten Blick wie ein Überbleibsel der spanischen Inquisition aussieht.

Das medizinische Personal legt die Kinder in diesen überdimensionierten Schraubstock und misst sie ab. Jetzt aber geht es nicht weiter, weil es sich nicht mehr verstellen lässt. Und Zidi kommt, um diese Apparatur wieder in Gang zu bringen.

Mit wenigen geübten Handgriffen hat der 36-jährige Zidi das Problem behoben und die Abmessungsroutine kann weitergehen. Zidi ist Logistiker bei der Entwicklungshilfsorganisation Acción contra el Hambre (ACH). Die internationale Organisation für Entwicklungszusammenarbeit ist seit den 90er Jahren im Niger präsent. Im Juni 2005 wurde aufgrund einer dramatischen Hungerkatastrophe ein umfangreiches Programm zur sofortigen Hilfe der Bevölkerung in den zwei am härtesten betroffenen Regionen – Keita und Mayahi – gestartet.

Zidis Aufgabe besteht hauptsächlich darin, jedes auftretende Problem in kürzester Zeit so gut und vor allem so schnell wie möglich zu lösen. Und Probleme sind bei einer Entwicklungshilfsorganisation, die in einem der ärmsten Länder der Welt arbeitet, die Regel.

Zuvor arbeitete er als Touristenführer in Agadez, im Norden Nigers. „Aber nach den immer wiederkehrenden Tuareg-Aufständen und der Hungerkatastrophe von 2005 kamen einfach zu wenige Touristen in den Niger, als dass es sich für mich noch gelohnt hätte“, erzählt er beim Verladen des medizinischen Materials in die Geländewagen von ACH. Bald geht es zurück zum Basiscamp nach Keita, im Südwesten des französischsprachigen Nigers.

Dass Zidi eine Arbeit hat, ist eine Ausnahme in der ehemaligen französischen Kolonie. Geschätzte 15 Millionen Einwohner zählt das Land, in dem es unter anderem an Arbeit, Nahrung, medizinischer Versorgung und vor allem an Zukunftsperspektiven fehlt.

Niger befindet sich auf Platz 182 des HDI, des Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). Zur besseren Einordnung: Der Bericht umfasst 182 Länder.

„Ich habe Wirtschaftswissenschaften an der Universität Lagos in Nigeria studiert. Viel geholfen hat es mir aber nicht, da es bei uns im Niger praktisch keine Unternehmen gibt. Aber ich wollte auch nicht für immer weg aus meinem Land, wie viele von uns, die sich auf den Weg nach Europa machen“, beschreibt Zidi seine Lage.

Ein Tuareg verliert (fast) nie die Orientierung

Wir sind auf der Fahrt über die steinige Piste zum Basiscamp. „Es gibt hier fast nichts, aber ich liebe dieses Land“, fügt er während eines Zwischenstopps mitten in der vertrockneten Steppenlandschaft hinzu. Einen Grund dafür zu nennen fällt ihm nicht leicht. „Es ist die Heimat meiner Familie, es ist meine Heimat“, versucht er zu erklären. Dabei lacht er, als müsse er sich für eine absurde Aussage rechtfertigen.

Fast alle ACH-Fahrer sind Tuareg. So wie Zidi. Es ist bei den hier tätigen Organisationen bekannt, dass Tuareg auch ohne Hinweisschilder oder GPS immer den richtigen Weg finden. Eine Fähigkeit, die hier lebenswichtig sein kann.

„Wir sind ein Nomadenvolk, das gewohnt ist, sich in der Wüste zu orientieren“, bekräftigt Zidi beim zeremoniellen Teetrinken mit den Fahrern. Sein Cousin Boutta, einer der über 20 ACH-Fahrer in Keita, zieht bei diesem Satz eine Grimasse und ruft in die Runde: “Mein studierter Cousin Zidi würde sich selbst in seinem Haus verlaufen, wenn seine Frau ihm nicht den Weg zeigen würde!“

Das Lachen der Männerrunde wird wahrscheinlich bis in die Tiefen der Wüste gehört, während Zidi seine traditionelle Kopfbedeckung, den tagelmust, zurechtrückt und grinsend abwinkt.

Wir sind Niger

Zurück zu Hause, einem kleinen Lehmgebäude, in dem es angenehm kühl ist, setzt sich Zidi nach der liebevollen Begrüßung seiner Familie auf ein Sitzkissen. Er beginnt davon zu erzählen, was für ein Glück er gehabt habe. Schließlich könne er seinen Leuten helfen und gleichzeitig genug Geld verdienen, um seine Familie zu ernähren.

Mit „seinen“ Leuten meint er nicht nur die Tuareg, die eine Minderheit im Niger darstellen. Neben den Tuareg gibt es zum Beispiel noch die Djerma oder die Fulbe. Und natürlich die Hausa, die bei Weitem größte ethnische Gruppe im Land. Zwar gibt es manchmal Konflikte, aber die Ursache liege in der Geschichte des Landes. Die ehemaligen französischen Kolonialherren hätten ohne Rücksicht auf die ethnischen Zusammenhänge das Land Niger in die Weltkarte gezeichnet und so für ein Konfliktpotenzial gesorgt, das sich bis heute in gewalttätige Streitigkeiten entlädt.

Während Zidi seinen Geschichtsunterricht fortführt, bringt seine Frau Seydou etwas zu essen. Hirsebrei mit einer Fleischbeilage, den wir mit seinen beiden Kindern auf dem Boden zu uns nehmen. Mit den Fingern – so wie es üblich ist. Warum er denn seinen Gast mit Politik und Geschichte langweile, wirft Seydou ein. Weil es schwierig sei, einen Menschen zu verstehen, wenn die Geschichte seines Volkes nicht erzählt werde, erwidert Zidi.

Wer wolle denn schon immer nur von Problemen hören, außerdem sei es jetzt Zeit für ihn, sich auf dem Weg zum Gebet zu machen, beendet Seydou das Gespräch. Sie hat mal wieder recht, scheinen Zidis Augen zu sagen, als er aufsteht und aus dem Haus geht. Mit einigen anderen Männern und seinen Söhnen wird er gleich gen Mekka beten, wie es als gläubiger Moslem üblich ist.

Die Stimme der Frauen

Mit seinen 36 Jahren zählt Zidi nicht mehr zu der jüngeren Bevölkerungsschicht in einem Land, dessen durchschnittliche Lebenserwartung bei gerade einmal 42 Jahren liegt. Dass er „nur“ eine Frau und zwei Kinder hat, entspricht im Niger nicht der landestypischen Familie. Die Polygamie, also Vielehe, ist hier nicht ungewöhnlich. Und die nigrischen Frauen bekommen durchschnittlich mehr als sieben Kinder. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO stirbt im Niger jedoch jedes vierte Kind vor dem fünften Lebensjahr.

Obwohl Zidi fast täglich mit den medizinischen Teams von Keita aus die Versorgungspunkte in der Region anfährt, findet er immer auch Zeit zum Centre de Nutrition Thérapeutique (CNT) von ACH zu gehen, das sich am Rand des Dorfes befindet. Hier werden die schwersten Fälle von Unterernährung in drei Zelten und einem der wenigen aus Beton gebauten Häuser behandelt. Erst vor einer Woche habe er eine Mutter mit einem ihrer Kinder hierher gebracht. Dem Jungen gehe es bereits besser.

„Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl dabei zu helfen, einem Menschen das Leben zu retten. Aber leider müssen wir auch manchmal Kinder, die im CNT gestorben sind, zum Begräbnis in ihr Dorf zurückbringen. Ein totes Kind zu tragen erfordert sehr viel Kraft“, erzählt Zidi mit einem Blick, der deutlich macht, dass dieses Gefühl niemandem zu vermitteln sei, der diese Erfahrung niemals machen musste.

Ob es eine Lösung für sein Land gäbe, frage ich ihn.

Die gibt es auf jeden Fall, ist sich Zidi sicher. „Du musst mit unseren Frauen sprechen“, sagt er mit Überzeugung. “Wir können Erfolg haben im Kampf gegen den Hungertod. Dazu müssen wir aber mehr auf die Frauen hören. Sie haben keine Stimme bei uns und tragen doch die größte Verantwortung. Sie bekommen die Kinder und arbeiten auf dem Feld. Sie sollten es sein, die Entscheidungen treffen. Dann würde sich vieles zum Besseren wenden im Niger”.

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