Österreich: Gefangen im Opfermythos

In dem Verhältnis zwischen den beiden Staaten und seiner Bevölkerung seit der Staatsgründung 1948, bzw. seit dem Ende des 2. Weltkrieges, lag, ähnlich wie gegenüber Deutschland, die Shoa als Schatten über allen bilateralen Beziehungen. Der wesentliche Unterschied Österreichs zu Deutschland bestand aber darin, dass die jüdisch-israelische Seite von Anfang an einem „unschuldigen“, von den Alliierten freigesprochenen Land gegenüberstand.

Holocaust-Mahnmal, Wien, Judenplatz

Photographer: Hans Peter Schaefer


Österreich hatte, im Gegensatz zur BRD, niemals den Willen und den vergleichbaren ausländischen Druck, der nötig gewesen wäre, um Schuld anzuerkennen und die Verbrechen an der eigenen jüdischen Bevölkerung „wiedergutzumachen“. Der österreichische Staat ignorierte mithilfe der „Moskauer Deklaration“ von 1943 die Verantwortung der eigenen Bevölkerung an den Verbrechen gegenüber den Juden so weit, dass nicht der Holocaust wesentlicher Bestandteil der eigenen Geschichte wurde, wie es in Deutschland der Fall war, sondern die eigene Opferrolle gegenüber Deutschland, der „Opfermythos„.

Reparation und Restitution

Ich habe aus dem umfassenden Bereich der bilateralen Beziehungen zwischen Israel und Österreich das Thema der Reparations- und Restitutionsbemühungen isoliert und mich darauf konzentriert. Dies hat den einfachen Grund, dass dieses Thema die gesamte Bandbreite der Beziehungen widerspiegeln kann.

Natürlich ist es darüber hinaus möglich Österreichs Funktion als Transitland oder die Partei-, und Gewerkschaftsbeziehungen zu untersuchen, man kann die kulturellen Beziehungen näher untersuchen oder auf die Rolle Österreichs im Nahost-Konflikt eingehen. Auch die ausschließliche Beschäftigung mit den Biografien Kreiskys oder Waldheims wäre eine mögliche Vorgehensweise. Der Vorteil des Reparationsthemas ist jedoch, dass es ein durchgehendes Problem in den Beziehungen der beiden Länder in den letzten 50 Jahren war (Stand 1999).

Alle oben genannten Themen standen in Verbindung mit dem hier bearbeiteten Thema. Ob nun Israel die Transitbedeutung Österreichs höher werten musste als die Interessenvertretung der ehemaligen österreichischen Juden oder als es um eine Entschädigungszahlung Österreichs an den Histadrut (1967) als Wiedergutmachung für geraubtes Hehalutz-Eigentum in Österreich oder das Aufkommen der unverarbeiteten Vergangenheit mit der Waldheim-Affäre ging.

Die Wiedergutmachungsverhandlungen, besonders die Art und Weise, wie sie von österreichischer Seite geführt wurden und die österreichische Vergangenheit, die überhaupt erst zum Thema der Wiedergutmachung führte, warfen immer wieder ihren Schatten auf die Beziehungen zwischen Israel und Österreich.

Im Verhältnis Israels zu Deutschland schließt die Shoa für immer eine völlig „normale“ Beziehung aus, selbst wenn insbesondere die junge israelische Bevölkerung Deutschland völlig unvoreingenommen gegenübersteht, ist die Shoa ein fester Bestandteil einer gemeinsamen Erinnerung. Die Vorwürfe gegenüber Deutschland liegen in seiner Verantwortung am Holocaust begründet, die Vorwürfe gegenüber Österreich gehen darüber hinaus.

Opfermythos

Österreich wird heute noch vorgeworfen, sich nur sehr spät zu seiner Schuld bekannt zu haben und österreichische Juden nicht nur nach 1938 im Stich gelassen zu haben, sondern – das ist besonders hervorzuheben – auch nach 1945. Österreich versuchte seinen eigenen politischen und materiellen Vorteil auf Kosten der jüdischen Bevölkerung zu erreichen, und setzte in diesem Sinne die eigene Sichtweise der Opferrolle in den Verhandlungen mit den jüdischen Vertretern und den Alliierten ein: „Betrachtet man nur den hier behandelten Zeitraum [1945-1952], so war der geschilderte Balanceakt nicht ohne Erfolg. Längerfristig gesehen brachte er aber (..) schwerwiegenden Konsequenzen für die politische Moral und Kultur des Landes mit sich.“

„Im Großen und Ganzen kann dieses Thema gleichsam als Medium und Barometer aller anderen Fragen aufgefasst werden. Schließlich wurde die Frage der Restitutionen bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit der israelisch-österreichischen Kontaktaufnahmen angesprochen.“ (Dan Diner; Endbericht Projekt „Israel-Österreich“, Vol. I)

Schon während der Rückstellungsgesetzgebung seit 1946 wurde deutlich, welche Verzögerungstaktik Österreich einzusetzen gedachte. Außerdem wurde schon hier klar, dass man sich auf die ausschließliche Opferrolle zurückziehen wollte. Und schließlich wurde das Problem des erblosen, nicht beanspruchten Vermögens, das innerhalb der Wiedergutmachungsverhandlungen besprochen werden musste, erst mit der Rückstellungsgesetzgebung geschaffen, sodass ich dem Jahr 1948 – dem Jahr der Staatsgründung Israels – vorgreifen muss.

Zudem ist eine Übersicht über die Geschehnisse während des „Anschlusses“ nötig, um die – von offizieller österreichischer Seite immer wieder bestrittene – Täterrolle der österreichischen Bevölkerung zu dokumentieren.

„Reibpartie“, Wien 1938

© Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Da die Verhandlungen ausschließlich von jüdischen Organisationen – unter Ausschluss des Staates Israel – geführt wurden, gehe ich auf die ambivalente Rolle während der Jahre der Verhandlungen ein, die Israel aufgrund außen- und innenpolitischer Zwänge einnahm. Darüber hinaus lege ich die Bemühungen, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Claims Committee, ehemaliger österreichischer Juden in Israel darstellen und ihre Reaktionen dar.

Da ich mich möglichst auf die gesellschaftlich-politischen Aspekte der Reparations- und Restitutionsproblematik konzentriert habe, ging ich nicht näher auf die äußerst komplizierten Bereiche der Opferfürsorgegesetzgebung (siehe dazu, Bailer, „Wiedergutmachung kein Thema„) und der Sozialversicherungsregelungen ein.

Für die vorliegende Arbeit lag mir, abgesehen von bekannter Fachliteratur, Material vor das Ergebnis einer Recherche ist, die im Rahmen des „Austria-Israel: Political and Cultural Relations since 1945“ Projekt gesammelt wurde, bei dem ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.

Dieses Forschungsprojekt wurde 1997 vom Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv unter der Leitung von Prof. Dan Diner in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck und dem Koebner Zentrum für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem unter der Leitung von Prof. Moshe Zimmermann, gestartet.

Die zusammengetragenen Dokumente und Ergebnisse aus allen Archiven und Sammlungen Israels wurden in 11 Bänden zusammengefasst, Research Findings Reports Volumes I – XI. Sie sollten in Zukunft als Grundlage für die Forschung auf diesem Gebiet dienen.

Die komplette Arbeit gibt es hier zum Download.

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