Ein Tag im Paradies

Heute ist einer dieser Tage. Eben so ein Tag. Ein Tag, an dem ich an meine Tage im Paradies denke.

Das Paradies ist nicht immer am selben Ort. Seine Lage ändert sich je nach Stimmung, Erinnerung und Alter. Heute bin ich in der Stimmung mich an meinen zweiten Besuch in „meinem“ brasilianischen Paradies zu erinnern. Und mein Alter, nun, das lassen wir einfach mal außen vor.



Es muss so um 1996 gewesen sein, als ich zum ersten Mal in Jericoacoara strandete. Damals war ich noch als Rucksacktourist, „backpacker“ oder „mochilero“ unterwegs. Fünf Jahre später entschloss ich mich nach knapp 14 Monaten als Journalist in Lateinamerika dazu, vor meiner Rückkehr nach Europa eine Stippvisite in Nordbrasilien einzulegen.

Ein Blick aus meinem Fenster auf den verregneten Bonner Himmel kann heute nur mit einem Blick auf meinen Reisebericht aus dem Jahr 2001 gerettet werden:

Those were the days

In Jericoacoara gibt es keinen Stress. Dafür Caipi und Capoeira am Strand, Ausflüge mit Pferden und unvergessliche Sonnenuntergänge.

Ich hätte wohl besser schon in Jericoacoara anfangen sollen über diesen Ort zu schreiben. Jetzt sitze ich im verregneten Madrid und versuche mich an Details meines Aufenthaltes zu erinnern. Aber schon die Absicht einen Stift in die Hand zu nehmen, hätte in Jericoacoara den Verdacht aufkommen lassen, ich würde Stress verbreiten wollen. Und Stress ist dort möglichst zu vermeiden.

Jericoacoara ist ein kleines, nicht mehr ganz so verschlafenes Nest im Bundesstaat Ceará, im Nordosten Brasiliens. Im Laufe der Jahre hat es nicht nur Aussteiger in seinen Bann gezogen, sondern auch brasilianische und europäische Touristen.

Ankunft Randlosigkeit

Nach einer 1 ½-stündigen Fahrt von Fortaleza über sandige Pisten erreiche ich das Paradies – eine kostenlose Gesäßmassage inklusive und eine wundervolle Aussicht auf die prachtvolle Dünenlandschaft. Gleich neben der größten Düne vor Ort finde ich eine Unterkunft: Die Pousada Calanda, die dem Schweizer Urs gehört. Sie liegt am Rande des Ortes. Es ist etwas übertrieben, in Jericoacoara von Rand zu sprechen. Einem Ort, durch den zwei Hauptstraßen führen und in dem man sogar zur Hochsaison im Karneval höchstens auf einige Hundert Menschen trifft.

Urs ist Aussteiger, wie viele an diesem Ort – Leute aus aller Welt, die als Rucksacktouristen vor Jahren nach Jericoacoara kamen und beschlossen, zu bleiben. Auch der Argentinier Caryl ist schon lange in Jericoacoara.

Zum Frühstück eine Kokosnuss

Caryl traf hier auf seine Traumfrau. Sie ist in Jericoacoara aufgewachsen. Mit ihr und der gemeinsamen Tochter lebt er in einem selbst gebauten Haus mit Blick auf das Meer. Auf der Veranda erzählt Caryl von seinem ersten Einblick in einheimische Gewohnheiten. „Als ich eines Morgens aufwachte, um mir Kaffee zu machen, sah ich meine Frau auf eine Palme klettern.“ Caryl zieht eine Augenbraue hoch. „Ihre Morgenroutine“, grinst er.

Jeden Morgen ging sie los, um sich eine Kokosnuss zu pflücken. Da bleibe ich doch beim Kaffee, das ist ungefährlicher.

Auf meinen Spaziergängen bekomme ich einen Eindruck davon, was für mich Glück bedeutet. Nicht dass einem das Glück hier in die Hände fällt, aber es könnte sein, dass man eine Idee davon bekommt, was dieses Glück ist. Glück ist Caipirinha. Zum Beispiel. Und die wahre Kunst ist es, Caipirinhas dort zu trinken, wo sie hingehören. Am Strand.

Kino auf der Düne

Als sich die Nacht ankündigt, mache ich mich auf den Weg. Denn in Jericoacoara gibt es eine schöne Tradition: Der Tag wird verabschiedet.

Alle versammeln sich auf der riesigen Düne am Strand. Man trifft bekannte und neue Gesichter und die Jungs aus dem Dorf surfen mit ihren Brettern die Dünen runter. Wenn dann die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet bis sie vollständig vom Meer verschluckt wird, klatschen die Zuschauer, als hätten sie gerade einen besonders guten Film gesehen. Beim Verlassen der Düne werden unter den „Veteranen“ des Sunset-Films Meinungen getauscht: „So schön wie heute war es noch nie.“ Oder: „Die Sonne ist auch nicht mehr das, was sie mal war.“

Freiluftdisco aus Baden-Baden

Seit einigen Jahren gibt es in Jericoacoara auch eine Art Freiluftdisco, das „Mama Africa“. Besitzer ist der Deutsch-Algerier Sami. Sami ist 29 und stammt aus Baden-Baden. Er zuckt die Schultern: „Dafür kann ich ja nichts“. Vor einigen Jahren ging er auf Reisen. Dann kam er nach Jericoacoara und blieb. Zusammen mit seiner brasilianischen Frau baute er das Mama Africa. Sami hat eine klare Vorstellung von Stressvermeidung. Samstags ist die Disco geschlossen. „Denn samstags“, so Sami, „würde es einfach zu voll werden.“ Das heißt: unnötig viel Arbeit. „Das widerspricht dem Sinn des Daseins in Jericoacoara“, schließt Sami seine Begründung.

Darüber sollte man nachdenken – vorzugsweise in einer Hängematte am Strand von Jericoacoara.

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